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waren die Verträge und Friedensſchlüſſe ſtets in lateiniſcher Sprache abgefaßt wor⸗ den, auch für den weſtphäliſchen Frieden(1648) wurde noch die lateiniſche Sprache gebraucht. Allein der Ryswicker Friede(1698) wurde in franzöſiſcher Sprache aufgeſetzt, und von dieſer Zeit an haben die franzöſiſchen Geſandten ſtets und üͤberall ihr galli⸗ ſches Idiom durchgeſetzt, was wohl auch deßhalb geſchehen iſt, weil es vielleicht gar manchem franzöſiſchen Diplomaten ſchwer fiel, die fremden Sprachen ſich anzueignen, was umgekehrt bei den Fremden gewiß ſeltener der Fall war.
Die Nordfranzöſiſche Sprache hat, wie jede andere Hauptſprache, verſchiedene Dialekte oder Patois, welche von der reinen franzöſiſchen Mundart ſich mehr oder weniger entfernen. Ein Dialekt, der der Ile de France, deren Hauptſtadt Paris iſt, war ſchon unter den Karolingern mit dem ſpeciellen Namen:„franzöſiſche Mundart“, bezeichnet, indem man ihn dadurch von den übrigen Dialecten der Nor⸗ mandie, der Picardie, ſowie von den in Burgund und in der Champagne vorkom— menden Dialekten unterſcheiden wollte; dieſer franzöſiſchen Mundart war es be⸗ ſchieden, alsbald allen übrigen Dialecten überlegen zu werden, wozu ſie durch die neue Dynaſtie der Capetinger, die von nun an in Paris ihren Hof hielt, in einem hohen Grad begünſtigt wurde. Die eigentliche franzöſiſche Mundart nahm in jedem Jahrhundert in dem Maße zu, als die Krone Frankreichs, folglich auch Paris, mächtiger wurde. Nach dem Kreuzzug gegen die Albigenſer wurde die franzö⸗ ſiſche Sprache auch im Süden nothwendiger und faßte feſten Fuß in Orleans, in Bourges, in Tours, indem ſie jedes Patois zurückdrängte. Franz I. befahl im Jahr 1512 und 1529, daß die franzöſiſche Sprache bei allen öffentlichen Urkunden aus⸗ ſchließlich gebraucht werden ſollte.— Die Hauptdialekte der nordfranzöſiſchen Sprache ſind die:
1. der Normandie, welche Mundart in Maine, Haute⸗Bretagne, Poitou, Anjou und Saintonge(mit der Sprachinſel Gawacherie im Gebiete des Provenzaliſchen) vorzüglich herrſchend iſt.
2. der Picardie, in Artois(Arras), Flandern, Champagne, Lothringen(theilweiſe), Hennegau(Mons), Lüttich, Süd⸗Brabant.— Im Hennegau und um Lüttich herrſcht aber die Walloniſche Sprache, die durch die vielen celtiſchen Elemente faſt un⸗ verſtändlich iſt.
3. von Burgund, welcher Dialekt im ehemaligen Herzogthum Burgund(Dijon), im Jura(Franche Comté), in dem Franzöſiſchen Theil des Cantons Bern(Delémont, Delsberg), im ganzen Canton Neuenburg(Neuchaàtel), im Canton Waadt nur bis zur Waſſerſcheide der Orbe herrſcht.— Jede dieſer Hauptmundarten zertheilt ſich in unendlich viele Unterabtheilungen.
Zum Schluße dieſer Ueberſicht bleibt uns übrig, die Grenze der Nord-Franzö⸗ ſiſchen Sprache zu beſtimmen. Wir fangen an der Nordſee an und finden, daß Gre⸗ velingen(Gravelines) der erſte Ort iſt, wo das Niederdeutſche(Flämiſche) nunmehr ganz aufhört*); von da zieht ſich die Grenzlinie nach St. Omer, Aire, Armentieres, Commines, wo die Grenzlinie ins Belgiſche übertritt, an Waterloo und Wavre vor⸗ beigeht, dann an Lüttich, Limburg, Verviers und in ſüdlicher Richtung Spa, Malmedy, Baſtogne, am belgiſchen Theil von Luxemburg vorbei geht bis zur franzöſiſchen Grenze bei Longwy. Demnach ſind auf der deutſch⸗flaͤmiſchen Seite Hazebrouck, Courtray(Kor⸗
*) S. Messager des sciences historiques— Gand— 1858, p. 56.


