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Die poetiſchen Erzeugniſſe im Norden haben mit der provenzaliſchen Poeſie keine Aehnlichkeit; der Sprache fehlt es durchaus an poetiſcher Färbung; dieſelbe ließ ſich erei— men, damit begnügte man ſich. Keine Auswahl von Wörtern, die rein poetiſch klingen; keine metriſche Formen; ferner die ſchrecklichen Naſenlaute, die höchſt wahrſcheinlich der Langue d'oil durch die Franken und die Normannen beigebracht wurden. Dabei fühlten die nördlichen Stämme Frankreichs ſich nur ſelten zur lyriſchen Poeſie hinge— zogen. Das epiſche Element, die längeren Erzählungen, die Ritterromane, hatten für ſie am meiſten Intereſſe und ihre Dichter, die Trouvères, die meiſtens aus der Nor⸗ mandie waren, beſangen in ihren lais und romans meiſtens die Thaten von Helden, mochten dieſe wirklich gelebt haben(Romans de Charlemagne) oder erdichtet ſein(Romans de la Table Ronde), oder auch nur allegoriſche Perſonen. Die beſten Trouvdres dich— teten im dreizehnten Jahrhundert, ſowohl in Frankreich als auch in England, wo ſeit 1066 bis in die Mitte des XIVten Jahrhunderts die ſranzöſiſche Sprache am Hofe, bei den Gerichten und in den Geſchäften die herrſchende war. In demſelben XIIIien Jahrhundert finden wir in Frankreich zwei Geſchichtſchreiber Ville-Hardouin, der am Anfang des Jahrhunderts ſeine Geſchichte des 4ten Kreuzzugs(1202— 1204) ſchrieb, und Joinville, der zur Zeit Ludwigs IX. lebte und die Lebensbeſchreibung dieſes Königs in einer ſo ſchönen Sprache verfaßte, daß man geneigt wäre zu glauben, es ſeien zwiſchen dieſen beiden Schriftſtellern wenigſtens zwei Jahrhunderte verfloſſen. Von dieſem Augenblick an ging die franzöſiſche Sprache mit Rieſenſchritten zu ihrer Vervollkommnung; im XIVten und XVten Jahrhundert prägt ſich ſchon in der Sprache der lebhafte, leichte, witzige und ſpöttiſche(esprit) Geiſt der Franzoſen aus(Fabliaux Villon), und die Hoſpoeſie der nordfranzöſiſchen Sprache endigte mit Charles d'Or⸗ leans(Vater Ludwigs XII.); und im XVlten Jahrhundert findet ein völliger Umſchwung in den Begriffen der Franzoſen, folglich auch in ihrer Sprache, durch das Eindringen der altklaſſiſchen Literatur in Frankreich einerſeits, und durch Calvins Reformation (Ueberſetzung der Bibel, Predigten in franzöſiſcher Sprache) andererſeits, ſtatt; in dem— ſelben Jahrhundert üben König Franz I. und deſſen Schweſter Marguerite, Königin von Navarra, Rabelais, Montaigne, Ronſard einen großen Einfluß auf die Sprache aus, ohne jedoch im Stande zu ſein, ſie grammatikaliſch ganz feſtzuſtellen. Dieſes war die Auf⸗ gabe des folgenden XVIIien Jahrhunderts, der Glanzperiode der franzöſiſchen Sprache und Literatur. Die Dichter und Grammatiker Malherbe, Balzae, Ménage, Vaugelas gaben die Regeln zur Fixirung der Sprache; die franzöſiſche Academie, auf Richelieu's Veranlaſſung im Jahr 1636 zum Zweck der Verbeſſerung der Sprache und einer ver⸗ nünftigen Critik der literariſchen Erzeugniſſe gegründet, gab den Befehl, dieſe Regeln zu befolgen, und die großen Meiſter: Boſſuet, Fénelon, Corneille, Racine, Moliere, Boileau führten ſie in ihren vortrefflichen Werken praktiſch aus; und ſo geſchah es, daß unter der Regierung des ſtolzen Louis XIV. Frankreich eine Sprache beſaß, die ſo vollendet war, daß ſie ſeit zwei Jahrhunderten keiner weſentlichen Aenderung be— durfte, eine Sprache, die ſich durch Klarheit und Beſtimmtheit auszeichnete, die als Umgangsſprache auch außerhalb Frankreich ſchon damals beliebt war. Da nun zu derſelben Zeit Frankreich durch ſeine politiſche Stellung, durch eine glänzende Hofhal⸗ tung, durch manche Vorzüge, die Geſchmack und feine Sitten verriethen, eine Art Uebergewicht über manche Nachbarſtaaten erhalten hatte, ſo geſchah es dann, daß man es hie und da an zanderen Höfen(jedoch nicht überall) für guten Ton hielt, Gebrauch von der franzöſiſchen Sprache zu machen, und daß bei den Staats⸗Angele⸗ genheiten, die man mit Frankreich zu verhandeln hatte, die auswärtigen Geſandten dazu einwilligten, ſich ebenfalls der franzöſiſchen Sprache zu bedienen. Bis dahin


