Aufsatz 
Über die Entstehung und die geographischen Grenzen der romanischen Sprachen im Allgemeinen und der französischen Mundart insbesondere
Entstehung
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(Vom Aufgehen der Sonne bis in das ferne Abendland, ſchlage ich den Menſchenkindern einen neuen Vertrag vor: jedem redlichen Menſchen will ich einen Byſantiner geben, wenn jeder unredliche mir einen Nagel gibt; jedem ritterlich He ſicen will ich eine Goldmark ſchenken, wenn jeder Unritterliche mir ein Kupferſtück geben will; jedem Wohrheitkliebenden gebe ich einen Haufen Gold, wenn jeder Lügner mir nur ein Ei ſeben will.....

In Baus auf die Proſa iſt von den Provenzalen wenig vorhanden, die ganze Literatur beſteht in Gedichten; ſie nannten ihre Kunſt die heitere Wiſſenſchaft (el Gag, Saber) und der Charakter derſelben iſt faſt durchgehends Anmuth und Minne (Canzones, Coblas, Tenzones etc.); zuweilen miſcht ſie ſich in die Staatshändel der Gegenwart, wie in den Sirventes des Bertrand de Born und Sordel; allein anhal tende Productionen in Proſa kommen nicht vor. Als Probeſtücke für die Proſa bleiben uns nur alte Urkunden, geſetzliche Beſtimmungen, Notariats⸗Akten zu Gebote. Hier geben wir fragmentariſch einen Beſchluß des Freiſtaats Montalban über das Ge⸗ ſellſchafthalten und den Anzug der Frauen. Dieſe Urkunde iſt vom XIIIen Jahrhundert.

Item que neguna dona ni autra femna de la vila ni de la honor de Montalba, no corteje ni auze cortejar neguna jazent, si no era cozina segonda déla o de so marit, o cosina germana o d'aqui en amont o comaires e aquelas que o puosco for tant solament lo dimenge, en no en un autre dia de la setmana.... Qui fara encontra, costara Ihi V soles de Caors per cada persona e per cada vegada. Item que neguna dona ni autra femna, no covido ni auze covidar ni anar covidar per nossas ni per autres manjars, mas quant tant solament IIII donas e no plus. Item que negus sartre de sta vila ni de la honor no talhe ni ause talhar neguna rauba a neguna dona de sta vila ni de la honor, mas quant tan solament que aia I palm de drap outra terra e no plus...*)

Wir haben die Dichtkunſt der Provenzalen als eine Hofpoeſie bezeichnet, welche nur von Rittern und ſogar von Fürſten herrührte und die beſonders zur Verherrlichung und Ergötzung der Schlößer und Paläſte beſtimmt war. Nachdem die Blüthezeit der hei⸗ tern Wiſſenſchaft(Gay Saber) zwei Jahrhunderte hindurch gedauert, fand ein plötzlicher Stillſtand ſtatt und jene lieblichen poetiſchen Töne geriethen alsbald in Vergeſſenheit. Die⸗ ſes unerwartete Dahinſchwinden einer ſo glänzenden poetiſchen Periode müſſen wir zwei Urſachen zuſchreiben. Am Anfang des XIIIten Jahrhunderts(1209 1229) entſtand im ſüdlichen Frankreich ein Glaubens⸗ und Bürgerkrieg gegen die Albigenſer, aus welchem der Urſprung der Inquiſition herzuleiten iſt und welcher mit großer Grau⸗ ſamkeit und Wuth bis zur faſt gänzlichen Vernichtung dieſer Sekte geführt wurde. Die Troubadours, welche dem Gemetzel entgingen, flüchteten ſich nach Aragonien, wo ſie Schutz und Ehre für ihre Kunſt fanden. Allein nach dieſer grauſamen Verfolgung waren ſie ſo entmuthigt, daß ihre Geſänge, die meiſtens Klagetöne waren, immer

*) Der Inhalt dieſer Verordnung iſt ſo eigenthümlich, daß eine Ueberſetzung vielleicht hier nicht überflüſſig erſcheinen wird:Ferner, daß keine vornehme Frau oder irgend eine andere Frau aus dem Stadtgebiet einen Umgang mit ihrer Nachbarin habe, es müßte denn ſein, daß beſagte Nachbarin ihre Verwandtin im 2ten Grade, Geſchwiſterkind mit ihr oder mit ihrem Gatten, oder noch näher verwandt oder ihre Gevatterin ſei, und es darf dieſer Beſuch nur am Sonntage und an keinem andern Tage der Woche ſtatt finden... Jede Uebertretung dieſer Verordnung wird mit V Cahorſer⸗Sous bezahlt. Ferner; daß keine vornehme oder andere Frau ſich unter⸗ ſtehe, bei einer Hochzeit oder irgend einem andern Feſt mehr als vier Gäſte einzuladen, oder einem ſolchen Feſte beizuwohnen.Ferner: daß kein Schneider aus hieſiger Stadt oder aus dem Gebiete derſelben ſich unterſtehe, für irgend eine Frau aus der Stadt oder aus dem Stadtgebiete ein Kleid zu ſchneiden, wozu mehr als eine Handbreite Zeug auf der Erde nach⸗ zuſchleppen käme.