Aufsatz 
Über die Entstehung und die geographischen Grenzen der romanischen Sprachen im Allgemeinen und der französischen Mundart insbesondere
Entstehung
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7. Aus dem Lateiniſchen, welche Wörter den Haupttheil der Sprache ausmachen.

Unter allen Romaniſchen Sprachen war die Provenzaliſche die erſte, welche als Schriftſprache benutzt wurde. Die älteſte Probe iſt allerdings die allbekannte, von Ludwig dem Deutſchen ausgeſprochene Eidesformel:Pro deo amur et pro Kristian poblo etc., die vom Jahr 842 datirt und in welcher mehr das Reſultat des verderb⸗ ten Lateins als das Ergebniß einer in analytiſcher Beziehung ſchon vorge⸗ rückten Romaniſchen Sprache wahrzunehmen iſt.*)

Nach dieſem erſten Denkmal der Provenzaliſchen Sprache müſſen wir eine Urkunde von dem Jahr 960 erwähnen, in welcher das Futurum mit der Endung rai, ſowie die Artikel und Fürwörter!o, las, und das Fürwort ti ganz eingebürgert ſcheinen ſno Paucirai ni nol' prendrai et tuas civitates non las tolrai ni t'en tolrai, ich werde ihn nicht tödten, ich werde ihn nicht gefangen nehmen, und deine Städte werde ich dir nicht wegnehmen und werde dich deren nicht berauben). Im zehnten Jahrhundert finden wir das Gedicht über Boethius:

Nos Jove(dawenes) omne, quan dius que nos estam De gran follia per foledat parlam,

Quar nos no membra per cui viure esperam,

Qui nos soste tan quan per terra anam,**)

E qui nos pais que nos murem de ſam

Per qui salves m'esper par tan qu'ell clamam.

Im elften Jahrhundert hatte die Sprache ſchon bedeutende Fortſchritte gemacht, was durchLa nobla Leyczon vollkommen dargethan wird:

Tan son li fals Xristian enseca per error

E majormen aquilh que dev' esser pastor,

Que ilh persegon e aucion a quilh que son melhor. E laysan en patz li fals e li enganador

Ma en czo se pot conoyser qu'ilh bon pastor no son Car non aman las feas sinon per la toison.

Dies waren die erſten Vorgänge dieſer Sprache, welche von nun an während zwei Jahrhunderten als Organ für eine Literatur, die dem Klima, dem Zeitalter und den Sitten, aus denen ſie hervorging, entſprach und welche eine Anmuth und Bildung erhielt, die ſeit dem Sturze des römiſchen Reichs in keiner Literatur mehr zu finden waren.

Der politiſche Zuſtand des Landes hatte weſentlich zu dieſer geiſtigen Erſcheinung beigetragen. Das Gebiet der Provence, das am Mittelländiſchen Meere zwiſchen den Pyrenäen und den Alpen liegt, jene herrliche und fruchtbare Gegend, hatte im ſpäteren

*) Zur Bekräftigung dieſer Anſicht entſchließe ich mich dennoch hier den fraglichen Eid in ſeiner vollen Extenſion nebſt der lateiniſchen ganz wörtlichen Ueberſetzung beizugeben.

Pro deo amur et pro Kristian poblo et nostro comun salrament d'ist di in avant in guant deus savir et podir me dunat, si salvarai io eist meon fradre Karlo et in ajudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradre salvar dist. In o guid il mi altresi fazet et ab Ludher nul plaid nunguam prindrai, qui, meon vol, o'ist meon Ffradre Karlo in damno sit.

**) anam ital.: andiamo, wir gehen.

Pro dei amore et pro Christiano popolo, et nostrà communi salvatione de istà die in antea, quantum deus sapere et posse mihi donat, sic sal- varo(salrabo) ego istum meom(meum) fratrem Karlum et in adjumento per directum(us) suom fratrem salvare debet. In eo quod ille mi(mihi) sic faciet et ab Lutherio nullum placitum nun- quam prendidero, qui meâ voluntate isti meo fratri Carlo in damno sit.