Aufsatz 
Henry Kirke White : ein Beitrag zur englischen Literaturgeschichte / von Gundlach
Entstehung
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sonst derartige Grübeleien noch möglichst fern liegen, musste, wenn er nicht zeitig auf den richtigen Weg geführt und von verständiger Seite geleitet wurde, unbedingt zu einer krankhaften religiösen Schwärmerei führen, welche auf die normale Entwickelung seines Geistes keinen günstigen Einfluss üben konnte. Sattt dass nun seine Freunde ihm in dieser Beziehung die nötigen Schranken gezogen und ihn von unfruchtbaren Grübeleien abgehalten hätten, bestärkten sie ihn vielmehr noch darin, zum Teil vielleicht ohne es zu wollen, zum Teil auch in guter Absicht, um Klarheit in sein Denken zu bringen. So übersandte ihm ein Mr. Booth eine Abhandlung von Jones, On the Trinity, die nach White's eigner Ansicht ihn über vieles aufklärte, ihn in Wirklichkeit aber nur noch mehr in seine Schwärmerei versenkte. Er sagt darüber unterm 12. August 1801 in einem Briefe an den genannten Mr. Booth:Religious polemics, indeed, have seldom formed a part of my studies; though, whenever I happened accidentally to turn my ihoughts to the subject of the Protestant doctrine of the Godhead, and compared it with Arian and Socinian, many doubts interfered, and I even began to think that, the more nicely the subject was investigated, the more perplexed it would appear; and was on the point of forming a resolution to go to heaven in my own way, without meddling or involving myself in the inextricable labyrinth of controversial dispute, when I received and perused this excellent treatise, which finally cleared up the mists which my ignorance had conjured around me, and clearly pointed out the real truth.

Immer tiefer versank er in diese Schwärmerei, welche seine Thatkraft zwar nicht lähmte, aber doch auf ein einseitiges Gebiet lenkte, so dass er bald alle Dinge nur in ihrem Verhältnis zur Religion oder genauer zur Theologie betrachtete. Für letztere zu wirken, war er unter allen Umständen entschlossen, auch wenn er sich nicht dem theo- logischen Studium als solchem hätte widmen können. Auf seine poetische Production hatte alles dies natürlich den weitgehendsten Einfluss. Ehe diese schwärmerische Denkart ganz die Herrschaft über ihn gewann, bewegten sich seine Gedichte in einem mehr allge- mein ansprechenden Gedankenkreise und zeigten eine klare, durchsichtige Ausdrucksweise; mehr und mehr jedoch nahmen Gedanken wie Ausdruck eine seiner Geisteswandlung ent- sprechende Form an, und der Einfluss des in ihm zum Durchbruch kommenden Elementes erstreckt sich sogar, wie leicht denkbar, auf die Wahl der Stoffe. 1) Dies alles gilt ganz besonders in Bezug auf das als Fragment hinterlassene epische GedichtThe Christiad. Bei reiferem Urteil und weniger beeinflusst von den ihn beherrschenden einseitigen An- schauungen würde er sich wohl selbst bewusst geworden sein, dass er in der Wahl des Stoffes durchaus fehlgegriffen hatte.

Sein körperliches Leiden und seine geistige Ueberspannung stehen in genauer Wechselwirkung: je mehr er seinen Geist anstrengte und sich körperliche Erholung ver- sagte, um so mehr nahm sein Leiden zu, und mit der Schwäche des Körpers wuchs auch die Melancholie, die sich in seinen Schriften und besonders in seinen Briefen aus dieser letzten Zeit deutlich zeigt. Seine eigne Ansicht ist auch hierüber einseitig, aber soweit richtig:When my spirits are restored, my health will be restored the fons mali lies

¹) Dieser einseitigen Neigung zum Schwermütigen war er sich selbst bewusst. So schreibt er am 9. Juli 1804 an R. Southey:I have acquired a strange habit, whenever I do point out a train of moral sentiment from the contemplation of a picture, to give it a gloomy and querulous cast, when there is nothing in the occasion but what ought to inspire joy and gratitude.