Aufsatz 
Henry Kirke White : ein Beitrag zur englischen Literaturgeschichte / von Gundlach
Entstehung
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sich vor- und aufdrängende Altklugheit, so dürfte mit obiger Behauptung nicht zu viel gesagt sein, da die angegebenen Eigenschaften in der Regel wohl ein durchaus ernstes Streben ausschliessen. Begreift man indes unterFrühreife die unbewusste, ungewöhn- lich frühzeitige Entwickelung der Fähigkeit, aufzufassen, Aufgefasstes wiederzugeben und unter gewissen Beschränkungen auch mehr oder weniger selbstständig zu producieren, so ist damit gewiss fast immer ein reger Wissensdrang verbunden, der sich nicht mit oberflächlichem Scheine begnügt, sondern ein festes Fundament zu gewinnen und darauf weiter zu bauen bemüht ist. Ob und inwieweit dies erreicht wird, hängt natürlich in aus- gedehntem Masse von den begleitenden Umständen ab. Wir untersuchen daher naturge- mäss nicht, was White vielleicht hätte leisten können, sondern wir beschränken uns auf die Würdigung dessen, was er wirklich geleistet hat, und betrachten, ehe wir zu den einzelnen Werken übergehen, seinen geistigen Entwickelungsgang.

Von dem grössten Werte für die Kenntnis seines Bildungsganges wie seines ganzen geistigen Wesens sind seine Briefe, von denen die meisten und interessantesten an seinen Bruder Neville gerichtet sind, und die, wären sie nicht mit genauem Datum verschen, weder formell noch inhaltlich einen so jugendlichen Verfasser vermuten liessen. Nicht über alltägliche Dinge, Tagesneuigkeiten, persönliche Leiden und Freuden verbreitet er sich darin, wie man vielleicht erwarten könnte und wie es die so inhaltlosen Briefe von weit älteren und grossen Anspruch auf Bildung machenden Leuten nur zu häufig thun. Ueber die an einen guten Brief zu stellenden Anforderungen lässt er sich selbst in einem Schreiben an seinen Bruder von Michaeli 1800 des Genaueren aus:]I have no friend so dear to me, as to cause me to take the trouble of reading his letters, if they only con- tained an account of his health, and the mere nothings of the day; indeed, such an one would be unworthy of friendship(. What then is requisite to make one's correspondence valuable? I answer: sound sense. Nothing more is requisite; as to the style, one may very readily excuse its faults, if repaid by the sentiments

Er betrachtet demgemäss diesen Briefwechsel als ein Mittel zur Belehrung für sich und andere, ein Zeichen, wie ernst er schon als fünfzehnjähriger Jüngling das Leben und die Aufgabe des Lebens fasste, und wie sehr er den Wert der Zeit zu schätzen wusste. Dieses Letztere war eine unmittelbare Folge seiner äusseren Lebensstellung: er sagt uns selbst in einem Briefe vom September 1799 über seine Thätigkeit in dem Bureau der obengenannten Advokaten Coldham und Enfield:I attend at the office at eight in the morning, and leave at eight in the evening; then attend my Latin until nine, which, you may be sure, is pretty close confinement. Da er so in Anspruch genommen war, musste er in der That seine Zeit zu Rate halten, wenn er es überhaupt zu etwas bringen wollte. Ob er nun auch seine freie Zeit in der richtigen Weise anwandte, das ist eine andere Frage. In erster Linie stand natürlich das juristische Studium, und hierbei fehlte es ihm auch nicht an der nötigen Anleitung, da, wie er selbst gesteht, seine beiden Chefs ihm grosses Wohlwollen entgegenbrachten und sich viel Mühe mit ihm gaben. Zwar findet er, dass das juristische Studiumeine trockene, schwierige Aufgabe ist und eine gute Fassungsgabe erfordert, allein er war eine viel zu ernste Natur und hatte sein Ziel zu genau vor Augen, um sich dadurch abschrecken zu lassen. Die Art, wie er solche trockene Stoffe bewältigte, giebt er folgendermassen an:The plan which I pursued, in order to subdue my disinclination to dry books, was this, to begin attentively to peruse