Aufsatz 
Henry Kirke White : ein Beitrag zur englischen Literaturgeschichte / von Gundlach
Entstehung
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worden, ¹) dass nur ein längere Zeit fortgesetztes Ausruhen und Enthalten von jeder gei- stigen Arbeit ihm hätte Genesung bringen können. Sein Ehrgeiz erlaubte ihm das nicht, und so richtete er sich denn rettungslos zu Grunde. Statt, wie man ihm riet, wäührend der Ferien ein Secbad zu besuchen, wozu ihm die Mittel zur Verfügung gestellt wurden, begab er sich nach London, wohl dem ungeeignetsten Aufenthalt für einen kränklichen jungen Mann. Dazu kam, dass einer seiner Lehrer, freilich in der besten Absicht, für ihn auswirkte, dass er wegen seiner ausgezeichneten Leistungen während der Ferien freien Unterricht in der Mathematik erhielt, so dass die eigentlich zur Erholung bestimmte Zeit einem mit noch grösseren Anstrengungen verbundenen Arbeiten gewidmet wurde. Die Krankheitsanfälle, die er indes vor seinen Freunden und Verwandten ängstlich zu verbergen bemüht war, wiederholten sich denn auch, und nachdem er solche mehrfach nur mit Mühe überstanden hatte, erlag endlich sein geschwächter Körper am 19. October 1806.

Henry Kirke White war einer jener sogenannten frühreifen Menschen, deren Körper dem Geiste nicht gewachsen ist und die von einem frühzeitigen Tode dahingerafft werden, ohne die von ihnen selbst und von anderen gehegten Hoffnungen in vollem Masse erfüllt zu haben. Man denke an die deutsch-russische Dichterin Elisabeth Kulmann, die in rus- sischer, deutscher und französischer Sprache die herrlichsten Sachen dichtete, von denen die in ihrem elften Jahre verfassten Gedichte sogar den Beitall eines Goethe und Jean Paul fanden. In ihrem fünfzehnten Jahre verstand sie elf Sprachen. Den Preis unter ihren Werken verdienen wohl die Schilderungen der Natur, welche sie mit wirklich poe- tischem Geiste auffasste und höchst anschaulich wiederzugeben verstand. Allein durch übermässiges Studieren rieb auch sie ibren an sich schon schwächlichen Körper vollends auf und erlag schon mit siebzehn Jahren den geistigen Anstrengungen.

In seiner geistigen Entwickelung hat White eine grosse Aehnlichkeit mit Chatter- ton, wenn auch ihre äusseren Verhältnisse sich verschiedenartig gestalteten. Während Chatterton, auch anfangs Schreiber bei einem Advokaten, in drückender Armut lebte und aus Hunger seinem Dasein gewaltsam ein Ende machte, so begegnete White, wenn er auch nichts weniger als in glänzenden Verhältnissen war, sich vielmehr mühselig durch- schlagen musste, doch während seines ganzen so kurzen Lebens stets der grössten Freund- lichkeit und Liebe, dem grössten Wohlwollen, das es auch nicht bei Worten bewenden, sondern in schonendster Weise ihm die Mittel zu seinem Fortkommen zu Teil wer- den liess.

Es ist eine wohl müssige Frage, ob bei längerem Leben unser Dichter die auf ihn gesetzten Erwartungen gerechtfertigt haben würde, eine Frage, die auch bezüglich der deutschen Dichter Th. Körner und W. Hauff nur zu häufig aufgeworfen wird, natürlich ohne zu einer befriedigenden Antwort zu führen. Man begegnet wohl zuweilen der An- sicht, dass frühreife Menschen nie oder doch nur höchst selten etwas Bedeutendes leisten werden. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, in wieweit diese Ansicht durch die Erfahrung unterstützt oder widerlegt wird; es kommen für uns vielmehr nur die inneren Gründe, auf welche sich eine derartige Behauptung stützen kann, in Betracht. Es fragt sich: was versteht man unterFrühreife? Meint man damit eine gewissermassen be- wusste, mit Selbstgefälligkeit und einem unberechtigten geistigen Hochmute verbundene,

¹) Vergleiche den Brief vom 9. Mai 1804.