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Aus dem angegebenen Grunde ist daher wohl eine genauere Betrachtung seines Entwickelungsganges und eine eingehendere Würdigung seiner Dichtungen am Platze. ¹)
Henry Kirke White wurde am 21. März 1785 in Nottingham geboren als zweiter Sohn von John White und dessen Gattin Mary, geb. Neville aus Stafford. Es war schon frühe der Wunsch seines Vaters, eines Fleischers, dass Henry das väterliche Geschäft einst übernehmen und zu dem Behufe die Metzgerei erlernen sollte.
Nachdem er vom dritten bis fünften Jahre eine Art Kleinkinderschule besucht und dann in dem Institute des Rev. John Blanchard Schreiben, Rechnen und Französisch ge- lernt hatte, wurde ein anderer Beschluss bezüglich seiner Zukunft gefasst. Sein Vater hatte sich mit dem Institutsvorsteher verfeindet und in Folge dessen seinen Sohn aus der Anstalt genommen; aus Bosheit oder Dummheit nun teilte man der Mutter mit, ihr Sohn sei zu nichts zu gebrauchen. Unterdessen hatte Frau White in Nottingham ein Pensionat mit Töchterschule errichtet, wobei sie von ihrer ältesten Tochter unterstützt wurde. Sie hatte in ihrem Unternehmen mehr Glück, als Dickens' Mutter mit ihrem bekannten Aus- hängeschild, und waren die Mittel, die sie damit erwarb, auch noch zu dürftig, um den Sohn studieren zu lassen, so kam man doch wenigstens von dem ursprünglichen Plane zurück und Henry wurde zum„hosiery trade“, also zur Strumpfwarenbranche bestimmt und trat, vierzehn Jahre alt, in eine Strumpfweberei ein. Indes entsprach dieser Beruf durchaus nicht dem Geschmack des Knaben, und nur widerwillig und mit Rücksicht auf seine Familie that er seine Pflicht. Seine Mutter, welche ihn sehr liebte und eine durch- aus verständige Frau war, merkte, dass ihr Sohn eigentlich zu etwas Besserem tauge, und endlich, nach mancherlei Opfern und nach Ueberwindung vielfacher Hindernisse, trat er in das Burcau der Advokaten Coldham und Enfield in seiner Vaterstadt ein. Da ihm seine Vermögensverhältnisse nicht erlaubten, Lehrgeld zu bezahlen, so musste er erst zwei Jahre dienen, ehe er„articled“, d. h. in die Liste der sich zum juristischen Berufe Vor- bereitenden aufgenommen wurde, was dann im Jahre 1802 geschah. Um sich zu seinem neuen Fache tüchtig zu machen, fing er an, mit staunenswertem Eifer zu lernen und mit einem Erfolge, der vielleicht einzig dasteht. Er lernte Latein, Griechisch, Italienisch, etwas Spanisch und Portugiesisch, Chemie, Astronomie, Physik, Zeichnen, Musik. Sein Ehrgeiz war so gross, dass er sich, freilich erst nach manchen misslungenen Versuchen, in eine literarische Gesellschaft aufnehmen liess, in welcher er sich durch Vorträge, die grossen Beifall fanden, auch zum Redner ausbildete. Auch veröffentlichte er poetische und prosaische Versuche in verschiedenen Zeitschriften, z. B. im Monthly Preceptor, Mirror und Monthly Visitor, und gewann einige Male die von der erstgenannten Zeitschrift, the Monthly Preceptor, ausgesetzten Preise, einmal für eine metrische Uebersetzung aus Horaz, ein anderes Mal für eine frei erfundene„Reise von London nach Edinburg.“ Er selbst schreibt darüber unterm 11. April 1801 an seinen Bruder Neville:„I had almost forgot to tell you that Thave obtained the first prize(of a pair of Adam's twelve inch globes, value three guineas) in the first class of the Monthly Preceptor. The subject was an imaginary tour from London to Edinburgh. It is printed consequently... The proposals stated
¹) Eine Abhandlung über den Dichter erschien 1847 im Programm der Realschule zu Barmen, von A. Sommermeyer:„An Essay on the life and writings of Henry Kirke White, in connexion with the con- temporary poets of Great Britain“, sowie 1848 eine zweibändige Biographie von Milnes. Seine Werke sind herausgegeben von R. Southey, zuerst 1807.


