Henry Kirke White.
Ein Beitrag zur englischen Literaturgeschichte.
Es ist dem englischen Romanschriftsteller Anthony Trollope von der Kritik zum Vorwurfe gemacht worden, dass er in seinem„Leben Thackeray's“ die Werke dieses Dichters für sich abgesondert und nicht vielmehr im Zusammenhange mit der gesamten Entwickelung Thackeray's bespricht, und dass er dessen Lebens- und Bildungsgang zu wenig in seinem Verhältnis zu seiner Zeit und seinen Zeitgenossen darstellt. Ein solcher Tadel ist gewiss nicht unbegründet, wenn es sich um Klarlegung des Wesens und Wirkens eines Mannes handelt, der, wie der genannte Dichter, unter der Einwirkung der Ideen seiner Zeit gearbeitet und seinerseits wiederum einen tiefgreifenden Einfluss ausgeübt hat. Etwas anders gestaltet sich die Sache, wenn ein solcher Einfluss nicht oder doch nur in geringem Grade vorhanden ist; in diesem Falle werden die Leistungen in erster Linie aus dem Bildungsgange und der geistigen Entwickelung des Verfassers zu erklären sein, wobei natürlich die äusseren Umstände nicht aus den Augen zu lassen sind.
Das dichterische Schaffen wird ja, wie jede geistige Thätigkéit, von den äusseren Lebensverhältnissen in hohem Grade beeinflusst. Glücklich, wer in unabhängiger Stellung, frei von den Sorgen um den Erwerb des Lebensunterhaltes ganz dem Triebe seines Geistes folgen kann! Um so mehr Anerkennung verdient derjenige, welcher mitten unter den Sorgen um das tägliche Brod sich die Frische und Elasticität des Geistes und den freien Blick bewahrt, der ihn tüchtig macht, für das Wohl der Menschheit zu wirken und Dauern- des zu schaffen. Das wahre Genie wird selbst eine gedrückte Lage zu vergessen und sich darüber zu erheben wissen, wenn auch selbstverständlich die Entwickelung desselben durch die gegebenen Verhältnisse einigermassen bedingt wird. Dies findet in weitgehender Weise Anwendung auf Henry Kirke White. Dieser Dichter wird in den meisten englischen Literaturgeschichten mit Unrecht entweder ganz übergangen oder mit ein paar Worten abgethan, wäührend weit weniger Bedeutende Erwähnung finden. So sagt Spalding in seiner bekannten„History of English Litterature“ S. 381:„Nor can much more notice be bestowed on the Religious Poetry of the time. Except a few pieces which we have received from authors already named, it contains nothing of the very first order. The poems of Kirke White, all but posthumous, are more pleasing than original.“ Ein näheres Eingehen auf das Wesen der Dichtungen Whites wird hier vermisst; der Kritiker ordnet sie ohne Unterschied unter die Rubrik„Religious Poetry“; wie wir sehen werden, gewiss mit Unrecht. Auch begeht Spalding einen bei einem Literarhistoriker schwer verzeih- lichen Irrtum, wenn er sie„all but posthumous“ nennt. Sollte es Spalding unbekannt ge- wesen sein, dass White selbst gesammelte Gedichte herausgab und dass dieselben schon während seines Lebens kritisiert wurden; sowie dass sich die Freundschaft mit Robert Southey gerade auf seine damals veröffentlichten Dichtungen gründete!


