Aufsatz 
Zur Geschichte des Magnetismus / von C. B. Greiss
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

ausgemacht ist, ob auch die zweite der oben erwähnten charakteristischen Eigenschaften des Magneisteins den alten Griechen und Römern ebenso bekannt gewesen sei, wie die Anzie- hung des Eisens. Es kommt zwar in einer dem Aristoteles(384 322 v. Chr.) zuge- schriebenen Abhandlung über die Steine eine Stelle vor, in welcher der Polarität des Mag- nets gedacht wird; es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass diese ganze Schrift des Ari- stoteles untergeschoben ist. Dagegen ist die magnetische Richtkraft den Chinesen schon 1000 und mehr Jahre vor unserer Zeitrechnung bekannt gewesen. Zu der dunkeln Epoche des Kodros und der Rückkehr der Heracliden nach dem Pelopones hatten die Chinesen schon magnetische Wagen, auf welchen der bewegliche Arm einer Menschengestalt unausgesetzt nach Süden wies(in dem Vordertheil eines solchen Wagens bewegte eine freischwimmende Nadel Arm und Hand einer kleinen Figur), um sicher den Landweg durch die unermess- lichen Grasebenen der Tartarei zu finden. Ein solcher Wagen, Sse-nan(Andeuter des- dens) genannt, wurde unter der Dynastie der Tscheu 1100 Jahre vor unserer Zeitrechnung Gesandten von Tunkin und Cochinchina geschenkt, um ihre Rückkehr durch die grossen Ebe- nen zu sichern. Solcher Magnetwagen bediente man sich noch bis in das 15te Jahrhundert nach Christi Geburt. Mehrere derselben wurden in dem kaiserlichen Pallaste aufbewahrt, und bei Erbauung buddhistischer Klöster zur Orientirung der Hauptseiten der Gebäude be- nutzt. Von dem Landgebrauch ging bei den Chinesen der Compass erst unter der Dynastie der Tsin im 4ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Benutzung auf dem Meere über. Um diese Zeit segelten chinesische Fahrzeuge nach magnetischer Südweisung in den indischen Ocean, und besuchten indische Häfen und die Ostküste von Afrika. Nach Eduard Biot, der die eben angeführten Klaproth'schen Untersuchungen über das Alter des Gebrauchs der Magnetnadel in China durch mühsame bibliographische Studien bekräſtigt und erweitert hat, existirt in China eine ältere Tradition, die sich aber erst bei Schriftstellern aus den er- sten christlichen Jahrhunderten findet, nach welcher Magnetwagen schon unter dem Kaiser Hoang-ti gebraucht wurden. Dieser berühmte Monarch soll aber schon 2600 Jahre vor unserer Zeit- rechnung regiert haben. Die magnetische Polarität dürfte hiernach wohl diejenige physikalische Lehre sein, deren Kenntniss am weitesten in der Geschichte hinaufreicht. Was nun aber das Bekanntwerden dieser Lehre in Europa betrifft, so haben wir darüber folgende Nachrichten. In einer alten irländischen Chronik aus dem Jahre 800 kommt eine Notiz vor, in welcher von demLeidarsteine, nach welchem die Schiffer sich richten, gesprochen wird. Han- steen glaubt, dass der Compass schon im 1ten Jahrhundert auf Island bekannt gewesen sei, und stützt sich zum Beweise seiner Behauptung auf eine Stelle in dem in dem 11ten Jahrhunderte geschriebenenLandnamabok. Hier wird nämlich erzählt, dass der Viking Floke Vil- degarson, Islands dritter Entdecker, welcher etwa im Jahre 868 von Rogaland in Nor- wegen ausging, um Gardarsholm(Island) aufzusuchen, drei Raben mit sich führte, welche ihm als Wegweiser dienen sollten. Wenn man nämlich auf offenem Meere Vögel fortfliegen liess, und diese zum Schiffe zurückkehrten, so war dies ein sicheres Zeichen, dass sie noch kein Land sahen; entfernten sie sich dagegen, so steuerte man ihnen nach, um das Land

zu erreichen. Es wird nun weiter erzählt, dass Floke in Smörsund, wo das Schiff vor

8 3 8