Aufsatz 
Ueber das Verhalten der Krystalle zu den sogenannten Imponderabilien / von Greiss
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

ihrer natürlichen Lage rechtwinkligen Lage sich kreuzen. Die Strahlen, welche durch einen Kalkspath gegangen sind, verhalten sich also wesentlich verschieden von denjenigen natür- lichen Lichtes, sie haben eine auffallende Modiſication erlitten, indem sie unter Umständen beim Durchgang durch einen anderen Kalkspath sich nicht wieder in zwei Strahlen spalten, wie doch natürliches Licht thun würde. Daraus, dass dieses Nichtspalten von der Lage des zweiten Kalkspaths abhängt, geht hervor, dass solche Strahlen nicht ringsum auf allen Seiten dieselbe Eigenschaft besitzen können. Mit der Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung war Huyghens nicht so glücklich, wie mit derjenigen der doppelten Brechung im Kalkspath, er hielt sich aber wenigstens von der Aufstellung einer falschen fern, und sagt am Ende seiner oben erwähnten Schrift:Ehe ich diese Schrift beende, will ich noch eine merkwür- dige Erscheinung erwähnen, die ich entdeckt habe, nachdem ich alles Obige geschrieben. Denn ob ich gleich bisher ihren Grund nicht gefunden, so will ich doch sie anzuführen nicht unterlassen, um Anderen Gelegenheit zu geben, ihn zu suchen. Es scheint, man muss noch andere Suppositionen ausser denen machen, die ich gemacht, welche aber dennoch ihre Wahrscheinlichkeit nicht verlieren, indem sie an so vielen Prüfungen sich bestätigt haben. Wie die Erscheinung entsteht, das zu sagen, habe ich Nichts bisher gefunden, was mir ge- nügte. Ich überlasse daher Anderen diese Untersuchung. Ueber ein Jahrhundert stand auch diese Erscheinung vereinzelt, fast gänzlich unbeachtet und vergessen da, bis Malus, be- schäftigt mit den Untersuchungen der doppelten Brechung, im Jahre 1808 ähnliche Modifi- cationen der Lichtstrahlen auch in anderen Fällen entdeckte. Malus betrachtete zufällig die von der untergehenden Sonne erleuchteten Fenster des Palastes Luxemburg in Paris durch ein doppeltbrechendes Kalkspathprisma, und bemerkte, dass die beiden Bilder eines jeden Fensters ihre Intensität ununterbrochen änderten, wenn das Prisma vor dem Auge herumge- dreht wurde. Hier war also dem Lichte durch die Zurückwerfung an den Fensterscheiben eine ganz ähnliche Modification mitgetheilt worden, wie bei dem Versuche von Huyghens bei dem Durchgang durch einen Kalkspath. Malus fand aber auch ferner, dass der Kalk- spath nicht der einzige Krystall sei, welcher diese Modiſication des Lichtes hervorrufe. Als er in dem Versuche von Huyghens den einen Kalkspath durch einen Bergkrystall ersetzte, erhielt er ganz dasselbe Resultat, und ebenso jedesmal, so oft er den Versuch mit zwei ver- schiedenartigen doppeltbrechenden Körpern anstellte. Diese auf die Seiten des Lichtstrahls sich beziehende Modification des Lichtes nannte Malus im Hinblick auf den Magnet Pola- risation, und die damit begabten Strahlen polarisirte Strahlen. Die oben erwähnte Eigenschaft der polarisirten Strahlen, unter Umständen durch einen durchsichtigen doppelt- brechenden Körper gar nicht oder nur theilweise hindurch zu gehen, ist nicht die einzige, sondern es tritt auch noch die zweite hinzu, von einer spiegelnden Fläche bald auf die ge- wöhnliche Weise, bald aber auch gar nicht oder wenigstens nur theilweise reflectirt zu wer- den. Ohne auf die verschiedenen Arten, die Polarisation des Lichtes hervorzurufen, und die ganze Lehre selbst näher einzugehen, genügt hier die Anführung der einfachen Thatsache, dass ein gewöhnlicher Lichtstrahl jedesmal bei seinem Durchgange durch einen doppeltbrechen- den Krystall, also durch jeden Krystall, welcher nicht dem regulären Systeme angehört, polarisirt werde, und es sei nur noch bemerkt, dass die Polarisationsverhältnisse bei der Doppelbrechung in ihrer ganzen Allgemeinheit wiederum von Fresnel zuerst in einer Ab- handlung entwickelt wurden, welche er im Jahre 1821 der französischen Academie vorlegte.