10
Herschel hat gefunden, dass bei einem und demselben optisch zweiaxigen Krystalle die beiden Axen für verschiedenfarbige Strahlen verschieden gegen einander geneigt sind, dass jedes einem Farbenstrahle zugehörige Axenpaar in einer anderen Ebene liegt, und dass alle diese Axenpaare symmetrisch um eine und dieselbe Grade angeordnet sind, welche den Winkel aller Paare in zwei gleiche Theile theilt. Es findet jedoch hierbei kein bestimmtes Geselz statt. In manchen Krystallen, wie dem schwefelsauren Baryt, salpetersauren Kali, Aragonit, Zucker, unterschwefligsauren Strontian, sind die Axen rother Strahlen weniger gegen einander geneigt, als diejenigen der violetten. Gerade entgegengesetzt ist es bei dem Borax, sibirischen Glimmer, der schwefelsauren Magnesia, dem Seignette-Salz, in welchem letzteren die Erscheinung so auffallend ist, dass nach Herschel die Neigung der Axen für die violetten Strahlen 550 14 und für die rothen Strahlen 75⁰ 42 beträgt. Allein der Axen- winkel der zwei optischen Axen und die Lage der Ebene eines Axenpaares hängen nicht nur von der verschiedenen Farbe der Strahlen ab, sondern sind nach Versuchen von Mitscherlich und Marx auch bedingt durch die Temperatur. So verhält sich in gewöhnlicher Temperaltur der Gyps wie ein zweiaxiger Krystall, dessen oplische Axen einen Winkel von 600 bilden. Erhöht man die Temperatur, so wird nach einem von Mitscherlich im November 1826 in der Academie zu Berlin gehaltenen Vortrage dieser Winkel kleiner, und bei einer Temperalur von ungefähr 73 ½20 R. fallen die optischen Axen zusammen. Jenseils dieser Temperatur gehen sie wiederum aus einander, und zwar in einer Ebene, welche auf der früheren senk- recht steht. Brewster wiederholte die Versuche Mitscherlich's mit dem Gypse, und machte dabei noch eine andere Beobachtung, die er(vergl. London and Edinb. Phil. Mag. I. 417) so beschreibt:„Eine ähnliche, aber vielleicht noch ausserordentlichere Eigenschaft fand ich vor einigen Jahren, nach der Entdeckung des Professor Mitscherlich, am Glauberit auf. Dieses interessante Mineral besitzt sonderbarer Weise in gewöhnlicher Temperatur zwei Axen doppelter Strahlenbrechung für rothes Licht und nur eine für violeltes Licht. Er- wärmt man es, so gehen die beiden optischen Axen für rolhes Licht auf einander zu, und bei einer Temperatur, welche man mit der Hand ertragen kann, besitzt der Krystall nur eine Axe für rothes Licht. Bei fortgesetzter Steigerung der Hilze gehen die beiden Axen wieder aus einander, und sind jetzt in einer Ebene, welche auf derjenigen, in welcher sie sich früher befanden, senkrecht steht. Die Hitze war nun noch unter dem Siedepunkle des Wassers. Bei Erhöhung derselben vergrösserte sich der Winkel zwischen den oplischen Axen noch mehr. Ich setzte nun den Glauberit bei gewöhnlicher Temperatur der Lulft einer künstlichen Kälte aus. Der Winkel der beiden optischen Axen für rothes Licht wurde grösser, wie sich vielleicht voraussagen liess; aber sehr unerwartct war es, dass eine ncue Axé für das violelte Licht entstand, die mit der für dasselbe Licht schon vorhandenen Axe in und unter der ge- wöhnlichen Temperatur in derselben Ebene lag, wie die optischen Axen für rothes Licht. Steigerung der Kälte vergrösserle die Neigung zwischen dem Axenpaare einer jeden Farbe des Spectrums. Am kleinsten war der Winkel zwischen dem Axenpaare für die slärkst brechbaren, am grössten zwischen dem Axenpaare für die schwächst brechbaren Strahlen“. Der schon erwähnte innige Zusammenhang zwischen der Krystallgestalt und dem optischen Verhalten eines Körpers kann den Krystallographen, wenn ihn seine anderen Hilfsmittel im Stiche lassen, oft erst in den Stand setzen, mit Bestimmtheit über den krystallographischen Charakter eines Minerals zu entscheiden. So bildet, um nur ein Beispiel anzuführen, der


