31
50.
In derjenigen Schule, in welcher eine schlaffe Disciplin herrscht, am meisten Ursache haben, sich über Mangel an Pietät zu beklagen.
51.
Der Lehrer hüte sich, dass er nicht die Standhaftigkeit der Unschuld für Frechheit und Verstocktheit halte.
werden die Lehrer
52.
Sanfte Zurechtweisung wirkt in der Regel bei der Jugend wohlthätiger, als harter schonungsloser Tadel. 2
53..
Das Erröthen oder Erblassen eines Schülers bei einer Untersuchung ist nicht immer ein Zeichen der Schaam oder des bösen Bewusstseins, sondern zuweilen bloss Folge von grossem Zartgefühl, oder von verzeihlichem Unwillen über unverdienten Argwohn, oder wohl gar eine Wirkung der Furcht, dass er roth oder plass werden und dadurch in den Augen des Lehrers als schuldig erscheinen könnte. Eben so ist Stillschweigen nicht immer Eingeständniss der Schuld. Ein gekränktes, empörtes Herz schnürt auch die Kehle zu!
54.
Vergesse doch der Erzieher nie, dass er beim Gebrauche der ihm zu Gebot stehenden Heilmittel immer auf die geistige Constitution und die Lebensverhältnisse seiner Patienten Rücksicht zu nehmen habe. Was für den einen moralisch Kranken heilsame Arznei ist, kann leicht für einen andern verderbliches Gift werden. Der Arzt, welcher nicht zu indi- vidualisiren versteht, bleibt stets ein Stümper. Dasselbe gilt vom Lehrer und noch mehr vom Erzieher oder von dem, der, wie ein Schulmeister, mag ihm nun an einer niederen oder höheren Anstalt sein Wirkungskreis angewiesen sein, beides sein soll.
55.
Der Erzieher beobachte, wie ein geschickter, umsichtiger Arzt, die Natur seines Pflegebefohlenen und räume so viel, als möglich, die Hindernisse aus dem Wege, die ihre freie, frische, freudige Entwickelung stören könnten; aber er verderbe nicht durch unnö- thige Arznei die gesunde, er schreite auch dann nicht ein, wo sich erwarten lässt, dass sie sich selbst helfen werde, wenn ihr nur Zeit gestattet und die Diät des Patienten geregelt wird.—
56.
Der Erzieher ehre die Individualität seines Zöglings und suche ihm nicht die seinige einzuimpfen. Es ist ein geistiger Mord, der durch zu vieles Erziehen so häufig begangen wird. Wie manche herrliche Pflanze verkrüppelt, weil sie zu oft und zu reichlich begos- sen wird! Der Gärtner schneidet die üppigen Auswüchse des Bäumchens ab, damit der


