28— aber noch nicht begreifen kann, und nimmt endlich in der Verzweiflung zum Gedächtniss seine Zuflucht, indem er demselben das Aufgegebene wörtlich einprägt. Jetzt sagt er seine Lection an; es geht vortrefflich; der Lehrer lässt ihn durch Beispiele die Regel belegen; auch diese bildet er nach Analogie der ihm gegebenen. Der Lehrer triumphirt im Wahne, seine Weisheitssprüche seien von dem Adepten richtig aufgefasst und dessen- geistiges Ei- genthum geworden. Arge Selbsttäuschunng, wovon ihn leicht, wenn er nicht zu sehr in derselben befangen wäre, jede an den Schüler gerichtete Querfrage überzengen könnte!
28.
„Wenig Regeln, viel Ubung führt die Schüler am sichersten zum baldigen Erlernen einer Sprache.“ Ein, wie ich glaube, fast unbestrittener Satz, der aber in der Praxis leider nur zu oft unbeachtet bleibt.
29.
Man nehme sich sorgfältig in Acht, dass man beim Dociren nicht in ein falsches Pathos verfalle, was eben so unangenehm auffällt und eben so wenig Eindruck macht, als ein tonloser, herleiernder Vortrag.
30.
Ein guter, zur passenden Zeit gemachter, nicht stereotyp gewordener Witz wird zur Würze des Unterrichts dienen; fern aber bleibe der Schule das Witzeln und Satirisiren.
31. Plaudere nicht in der Schule mit deinen Schülern über Gegenstände, die nicht dahin gehören. Nur keine Zeitungsneuigkeiten oder Stadtanekdoten auf's Catheder gebracht!
32.
Macht es sich der Lehrer in der Classe zu bequem, bald wird auch unter seinen Schülern ein schlaffes, rekelhaftes Wesen einreissen. 33. Hlüte sich der Lehrer doch sorgfältig vor jeder auch nur etwas auffallenden Angewöh- nung: sie kann ihn gar zu leicht in den Augen seiner Schüler, die in dieser Beziehung immer sehr scharfsichtig sind, lächerlich machen.
34. Wenn dein Zögling herzlich lacht, so lächle nur; doch einer Thräne der Rührung oder der Wehmuth oder der Andacht brauchst du dich nie vor ihm zu schämen. 35. Ertheile keinen Unterricht, wenn qu an so heftigen Körperschmerzen leidest, dass du
derselben nicht Meister bleiben kannst. Der Schüler darf dich nicht sehen, wie du dem Schmerz unterliegst.


