Ueber die zeichnende Methode im geographischen Unterricht
von
L. Grebe,
zweitem Oberlehrer der Anstalt.
Die Geschichte des deutschen Volkes weist Zeitrüume auf, innerhalb welcher mit über- raschender Schnelle eine gänzliche Aenderung im Volkswohlstand und Volkscharakter, ja im ganzen Volksleben erfolgte. Während der dreissigjährige Krieg einen solchen Abschnitt mit abwärts gehenden Wirkungen darstellt, mit Folgen, welche noch in unsern Zeiten nachklingen, so hat sich in dem mittlern Drittel dieses neunzehnten Jahrhunderts eine Umwälzung vollzogen, deren sämmtliche Consequenzen noch nicht vorliegen, die aber sowohl ihrem Umfang wie ihrer Tiefe nach den grössten geschichtlichen Umwandlungen ebenbürtig ist.
Was ist denn nun die Ursache, dass in einem Menschenalter so durchgreifende Aenderungen in allen Lebensverhältnissen stattgefunden haben, dass der Durchschnittsmensch von heute mit ganz andern Gedankenreihen operirt als der Durchschnittsmensch zur Zeit der Julirevolution? Was ist es, was uns einem Träger veralteter Anschauungsweise gegenüber mit jenem pietätvollen Interesse erfüllt, mit dem etwa Pallas dem im sibirischen Eise conservirten Mammuth gegenüber- stand? Nun, es ist nichts kleines. Es ist eine bedeutende Veränderung vor sich gegangen in dem Verhältniss der beiden Anschauungsformen, in welchen das sinnlich Wahrnehmbare von uns erfasst wird, in dem Verhältniss von Raum und Zeit. Durch die Beschienung der Verbindungs- wege zwischen unseren Wohnplätzen und die Verwendung der Dampfmaschine zur Verrichtung der Leistungen eines Zugthiers ist es geschehen, dass noch vieles Andre um und sogar in uns hat verändert werden müssen oder aber bei immer grösser werdender Dringlichkeit Veränderungen noch entgegensieht.
Die Längen, das heisst Entfernungen, sind bei gleicher Zeitdauer durch die Eisenbahnen etwa auf ein Fünftel, demnach die Flächen auf ein Fünfundzwanzigstel reducirt worden. Die Ermittelung weiterer Factoren, wie Gewichtsverhältniss des Güterzugs zum alten Frachtwagen oder Verhältniss der Personenzahl im Schnellzug und im Eilwagen, bleibt dem freundlichen Leser überlassen. Wir schliessen hiermit die einleitenden Worte und begnügen uns mit dem Resultat, dass die Anforderungen an geographisches Wissen seit der Anlage der Eisenbahnen fünfund- zwanzigmal so gross geworden sind.
Die Geographie gehört zu den übelst beleumundeten Schulfüchern. Wenn Einer in einer höhern Schule Sprachen, seien es neuere oder alte, mit wöchentlich einem viertel bis einem halben Dutzend Stunden Jahr aus Jahr ein getrieben hat, so hält man es für selbstverständlich, dass er schliesslich diese Sprachen nicht sprechen kann, und ist erstaunt, falls solches dennoch der Fall sein sollte. Wenn dagegen Einer geographischen Unterricht mit im Maximum zwei wöchentlichen
1


