— 22—
vorzüglich auf zweierlei Voraussetzungen, nämlich erstens, dass die Stosswelle zuerst an einem Punkt und dann concentrisch an anderen Punkten der Erdoberfläche, soweit wahr- genommen werde, bis die Stärke der Erschütterung unter die Möglichkeit einer Perception zurückgeht, und dann zweitens darauf, dass der vorausgesetzte Stossmittelpunkt in der Er- weiterung der Ebene eines durch den Stoss in Bewegung gesetzten Pendels liege. Die zweite Voraussetzung ist ganz unstatthaft, wie aus der dem dritten Bande von Volger's Erd- beben der Schweiz beigegebenen Karte erhellt. Die darauf dargestellten Erschütterungs- reviere hatten einen prononcirten Stossmittelpunkt im Vispthal. Nichtsdestoweniger findet man die Stossrichtungen wie auf unserm Kärtchen in allen möglichen Azimuten, was der Refraction und vielleicht auch Reflexion der Stosswellen überall in den Fällen zugeschrieben werden muss, in denen man keinen Zweifel in die Richtigkeit der ersten Beobachtungen setzt. Für unser Erdbeben ist in dieser Beziehung die Beobachtung des Professors Galle in Breslau wichtig. Derselbe hat nämlich durch das Fernrohr, mit welchem ein Unifilar- magnetometer beobachtet zu werden pflegte, scheinbare Verticalschwingungen des Magneten, also ein Pendeln desselben etwa im magnetischen Meridian wahrgenommen. Es kommt dies nahezu einer Stossendwirkung von NNW. nach§SO. oder in der entgegengesetzten Richtung gleich. Unser sowohl geognostisch wie in seinem Relief nicht eben sehr einheitliches Er- schütterungsgebiet, zeigt so an seiner äussersten östlichen Grenze eine tangentiale Stoss- richtung.—
Wenn ein submariner Gletscherfuss an der Westküste Grönlands durch hydro- statischen Aufdruck an die Oberfläche des Wassers emporschnellend, seine Existenz als Eisberg beginnt, so mag das ein ähnlicher Vorgang sein, wie wenn eine grosse Felsmasse in ihrem Volumen allmählich vergrössert von ihrem Nachbargestein sich löst und nach einer oder mehreren Dimensionen sich gewaltsam vordrängt.
In einem solchen Fall kann das Erschütterungscentrum in seiner Projection auf der Erdoberfläche eine Linie oder auch wohl eine Fläche bilden und durch Kreuzen, Interferiren der Wellen, Vergrössern oder Verkleinern der Zeitintervalle*) der einzelnen Wellen in verschiedenem Material die verschiedene Empfindung von einem oder mehreren Stössen an verschiedenen Beobachtungspunkten bewirkt werden. Auch bei Einsturzerdbeben wird die Erschütterung an der Oberfläche um so gleichzeitiger eintreten, je tiefer die Ur- sprungslocalität liegt und erfolgt der Einsturz nicht in eine Höhle, sondern in eine von Volger sogenannte Hohlschicht, so wird auch schon durch den Stoss auf eine ausgedehnte Fläche der Begriff„Erschütterungscentrum“ ziemlich getrübt erscheinen.
*, Nach Mallet's Versuchen beträgt die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Stosses im nassen Sand. 965 englische Fuss, im lockern Granit. 1299„„ im festen Granit. 1661„„ per Secunde.


