ich über seinen Tod weinen, nachdem ich über seine Geburt noch nicht genug geweint habe?«
Von einigen ¹) wird in dieses Jahr 1674 auch eine Begebenheit verlegt, die historisch keineswegs erwiesen ist. Man erzählt nämlich, daß Ludwig XIV., betroffen durch die offenen und eindringlichen Worte Bourdaloues, die Frau von Montespan vom Hofe entfernt und nach Clagny geschickt habe ³), zu dem strengen Prediger aber habe er gesagt:»Mein Pater, Sie sollen zufrieden sein, die Frau von Montespan ist in Clagny!« Bourdaloue aber soll geantwortet haben:»Majestät, Gott wäre viel zufriedener, wenn Clagny 40 Meilen von Versailles entfernt wäre.« In der Tat war sie bald wieder am Hofe. Daß 1675 Bourdaloue die Fastenpredigten in St. Germain-L Auxerrois hielt, mag vielleicht ein Zeichen sein, daß der strenge Bußprediger am Hofe bei manchen Personen nicht in angenehmer Erinnerung war, doch lud man ihn schon im nächsten Jahre 1676 wieder ein, in der Fastenzeit vor dem Hofe zu predigen; er begann wie gewöhnlich am 2. Februar im Schlosse zu St. Germain-en-Laye, wo er auch die folgenden Predigten hielt, bis er am Ostersonntag die»station« abschloß.
In diesem Jahre finden wir Bourdaloue zum erstenmale als Festredner bei einer Einkleidung in einem Nonnenkloster, ein Anlaß, bei dem er sich nicht minder als Meister zeigte und bei dem er auch in der Folgezeit nicht minder begehrt war. Am 28. Juli wurde nämlich die Tochter des Grafen von Harcourt bei den Benediktinerinnen auf dem Mont Martre eingekleidet, wobei der ganze Hof zugegen war; als die Novizin mit aufgelösten Haaren und mit einem Blumenkranz auf dem Haupte, wie ein schönes Opfer geschmückt, erschien, brachen alle Anwesenden in Tränen aus. ²)
Die Adventspredigten hielt Bourdaloue in diesem Jahre in der Kirche St. Gervais. Gelegentlich einer Reise nach Paris lud der Erzbischof von Rouen den gefeierten Kanzelredner ein, in der dortigen Kathedrale die Fastenpredigten des folgenden Jahres zu halten. In Rouen erinnerte man sich noch, daß Bourdaloue im Jahre 1668 mit dem größten Erfolge in dieser Stadt gepredigt hatte, und das Volk drängte sich in Massen in die Dom- kirche, sodaß die Domherren einen Diener aufstellen mußten, der darüber zu wachen hatte, daß nicht auch ihre Stühle besetzt werden. Die Leute zogen die verschiebbare Kanzel von ihrem gewöhnlichen Platze weg weiter in die Mitte des Kirchenschiffes, um den Prediger besser zu hören. Ganz Rouen war auf den Beinen, die Handwerker verließen ihre Werkstätten, die Kaufleute ihre Läden, die Advokaten das Gerichtsgebäude, die Arzte ihre Kranken.— Als Bourdaloue im April wieder nach Paris zurückgekehrt war, arbeitete er neue Predigten aus, da er die station du careme in der Kirche St. Sulpice übernommen hatte. Am 11. Juli hielt er bei der Einkleidung des Fräuleins von Canapville bei den Karmeliterinnen in der rue du Bouloy in Gegenwart des Königs, der Königin und mehrerer Hofdamen eine Ansprache über die Vollkommenheit und die Vorteile des Ordensstandes. Die Zeremonie der Einkleidung nahm der päpstliche Nuntius Varese vor. Am 24. Juni 1678 feierte die Familie Colbert in Sceaux ein großes Fest. Einer der Söhne war abbé geworden und hielt am Feste des hl. Johannes des Täufers die erste Predigt, zu welcher sich eine zahlreiche vornehme Zuhörerschaft eingefunden hatte, unter der sich auch Bourdaloue befand. Abbé Colbert wurde später Koadjutor und dann Erzbischof von Rouen. Aus dem Jahre 1678
¹) Andere verlegen sie in das Jahr 1675 oder 1676. ²) Zu Ostern 1676 verweigerte ihr der Pfarrer von Versailles die Lossprechung. ⁴) Lettres de Madame de Sévigné tome IV. p. 556.


