Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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Nun verſtehen wir vollends Goethes Wort:In der Kunſt und Poeſie iſt die Perſön⸗ lichkeit alles. Warum üben Schillers Werke, insbeſondere ſeine Dramen, eine ſo tiefe Wirkung auf uns aus? Weil ſie der Ausfluß dieſer ſo gearteten Perſönlichkeit ſind, weil nichts darin Phraſe, nichts leeres Spiel mit Worten, ſondern alles aus dem Leben gequollen, alles dem innerſten Kerne dieſer nur mit ſich ſelbſt vergleichbaren Dichterindividualität entſprungen iſt. Warum begegnen wir in Schillers Dramen, von Karl Moor bis zum Demetrius, immerfort Herrennaturen, Männern, dienicht wimmern und winſeln, ſondern wollen und wagen, die mannhaft auf ſich ſelbſt geſtellt bleiben, bis der Tod ſie fällt? Weil Schiller ſelbſt ein Mann war vom Wirbel bis zur Sohle, gewohntmit Stürmen ſich herumzu⸗ ſchlagen und in des Schiffbruchs Knirſchen nicht zu zagen. Warum iſt der große Dramatiker Schiller zugleich der große Tragiker? Weil ſein eigenes Leben auf einen tragiſchen Grundton geſtimmt war, weil er gelernt hatte, das Leben nicht als ein Spiel, ſondern als eine furchtbare Tragödie anzuſehen, als einen Kampf mit unüberwindlichen Kräften, deſſen gewürdigt zu werden ihm als ein erhabener Vorzug der Menſchennatur erſchien und eben darum ihn mit ſtets neuer Freudigkeit, faſt möchte man ſagen, mit neuem Kampfestrotze erfüllte. Warum ziehen uns ſeine Dramen ſo unwiderſtehlich in den Bannkreis der in ihnen verkörperten Idee? Weil dieſe Ideen in dem Dichter ſelbſt lebendig waren, diejenige zumal, die ihm zu allen Zeiten die höchſte war, die Idee der Freiheit. Sie geht durch alle Werke Schillers hindurch, mag es ſich nun um die phyſiſche Freiheit handeln, um den Kampf gegen äußere Tyrannenherrſchaft, oder um jene höhere innere Freiheit, um den Kampf gegen die Dämonen in unſrer eignen Bruſt, die dem Gemeinen zum Siege über das Hohe und Edle verhelfen möchten.

Mit der Idee der Freiheit hängt nun auch zuſammen, was man nicht ganz zutreffend oder doch nicht ganz in Übereinſtimmung mit dem heutigen Sprachgebrauch den Patriotismus Schillers zu nennen pflegt. Unlängſt iſt wieder von einem der beſten Kenner unſerer Klaſſiker mit Nachdruck darauf hingewieſen, wie außerordentlich ſchwierig es iſt, über das Verhältnis unſerer großen Geiſter zur vaterländiſchen Idee oder über ihrenPatriotismus zu urteilen, und wie nur Oberflächlichkeit dazu führen kann, mit Hilfe einiger Dramenſtellen Schiller auf Koſten der übrigen, namentlich Goethes, als den eigentlichpatriotiſchen Dichter zu feiern. Daran ändert natürlich auch nichts die Tatſache, daß unſer Dichter bei der Schiller⸗ feier im Jahre 1859 im Geiſte der Sehnſucht jener Zeit, der Sehnſucht nach Kaiſer und Reich, vorwiegend alsPatriot, gewiſſermaßen als der geiſtige Einiger Deutſchlands gefeiert wurde.

Schiller iſt, wie Goethe, aufgewachſen in den Anſchauungen jenes mark⸗ und blutloſen Welt⸗ bürgertums, das wähnte, ein reines, durch keine Schranken der Nationalität beengtes Menſchentum ſchaffen zu können, und was heute unſer patriotiſches Empfinden ausmacht, das Gefühl der Stammeszuſammen⸗ gehörigkeit, der Stolz auf des Vaterlandes Machtſtellung, das Beſtreben, dieſe Macht politiſch und wirt⸗ ſchaftlich nach allen Seiten geltend zu machen, allen Neidern und Nebenbuhlern zum Trotz unſern Platz an der Sonne zu behaupten dieſes auf einer ſehr realen Grundlage beruhende Bewußtſein mußte, da eben dieſe Grundlage fehlte, Schiller fremd ſein. Deutſchland iſt für ihn überhaupt kein politiſcher Begriff:

Deutſchland? fragt er,wo liegt es? ich weiß das Land nicht zu finden, Wo das gelehrte beginnt, hört das politiſche auf. Er glaubt auch nicht, daß es je anders werden wird:

Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutſche, vergebens, Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menſchen euch aus!

und in einem wenig bekannten Gedichte zur Jahrhundertwende heißt es:

Stürzte auch in Kriegesflammen Deutſchlaͤnds Kaiſerreich zuſammen, Deutſche Größe bleibt beſtehn.