Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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3 3 Schöpferkraft und der immer gebrechlichere körperliche Zuſtand desin Leiden bangenden Dichters. Männ⸗ licher hat niemand als er ſelbſt die in ſeinem GedichteJIdeal und Leben ausgeſprochene Mahnung befolgt:

Werft die Angſt des Irdiſchen von euch, Fliehet aus dem engen dumpfen Leben In des Ideales Reich!

Des Ideales Reich! Dort hatte der Dichter ſchon früh ſeine zweite, beſſere Heimat gefunden, dorthin flüchtete er ſich aus der bittern Not des Lebens, von dorther gewann er immer neue Kraft, dorthin wollte er der Menſchheit den Weg weiſen. Der titaniſch ſtürmende Jüngling wie der in heißer Lebensarbeit geläuterte Mann gab ſein ganzes Sein und Sinnen dem Dienſte erhabener ſittlicher Ideen hin nicht einMoraltrompeter, wie das ſchnöde Wort des modernen Zarathuſtra lautet, ſondern ein großer, wahr⸗ haftiger Künſtler, dem es heilig ernſt war mit ſeiner Kunſt, der durch ſie nicht nur erfreuen, nicht nur die vom Kampfe des Lebens Erſchöpften erquicken, ſondern auch den Menſchen veredeln, ihn durch dasMorgentor des Schönen einer höheren Geſittung entgegenführen wollte. Iſt doch Schiller recht eigentlich der Schöpfer der Idee, die gerade in unſerer Zeit wieder mit erfreulich wachſender Stärke von den verſchiedenſten Seiten als Loſung in die ſchier unentwirrbar ſcheinenden Bildungskämpfe der Gegenwart hineinſchallt, der Idee einer das ganze Leben durchdringenden und verſchönenden künſtleriſchen Kultur, einer äſthetiſchen Er⸗ ziehung des Menſchen, und indem der Dichter⸗Philoſoph uns mahnt, Künſtler des eigenen Daſeins zu ſein, wird er zugleich Pfadfinder zu einem innerlichſt glücklichen, zu ſchöner Harmonie abgeſtimmten Leben.

Und Schiller ſelbſt lebte, was er dichtend lehrte. Was er von den Menſchen verlangte, jenes hohe Verantwortlichkeitsgefühl in der Geſtaltung des Lebens, das bewährte er vor allem in ſeinem eignen Daſein, bewährte er unter den denkbar ſchwierigſten Verhältniſſen. Ob auch dem Leiden, ob dem Tode vertraut,

ſein Geiſt ſchritt gewaltig fort Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, Und hinter ihm, im weſenloſen Scheine, Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Durch ſein lebendiges Beiſpiel hat er bewieſen, daß auch der dem Geſchick rettungslos Verfallene als ſittliche Perſönlichkeit immer wieder ſich frei über die Schickſalsnotwendigkeit erheben kann, wenn er

nur erfüllt iſt

Von jener Jugend, die uns nie entfliegt,

Von jenem Mut, der, früher oder ſpäter,

Den Widerſtand der ſtumpfen Welt beſiegt, Von jenem Glauben, der ſich ſtets erhöhter Bald kühn hervordrängt, bald geduldig ſchmiegt, Damit das Gute wirke, wachſe, fromme, Damit der Tag dem Edeln endlich komme.

In dieſer nie erlahmenden Spannkraft, dieſem nie ermattenden Schwunge des ideal gerichteten ſittlichen Willens liegt die hinreißende Gewalt von Schillers Perſönlichkeit, liegt recht eigentlich ſeine Größe. Alles an ihm, bemerkt Goethe,iſt ſtolz und großartig; er iſt ſo groß am Teetiſch, wie er es im Staatsrat geweſen ſein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug ſeiner Gedanken herab; was in ihm von großen Anſichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rückſicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Menſch, und ſo ſollte man auch ſein. Alle kleinlichen Gefühle, Neid, Selbſtgefälligkeit, perſönliche Empfindlichkeit waren Schiller fremd; womit er in Berührung kam, das wurde geadelt, dem Staube der Alltäglichkeit entrückt. Was Wallenſtein von Max ſagt, gilt vom Dichter ſelber: erwob um die gemeine Deutlichkeit der Dinge den goldnen Duft der Morgenröte undim Feuer ſeines liebenden Gefühls erhoben ſich des Lebens flach alltägliche Geſtalten.