Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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keit alles. Das will ſagen: jedes echte große Kunſtwerk, deſſen Wirkungen dem Wandel und Wechſel des Zeitgeſchmacks nicht unterworfen ſind, ſetzt einen großen Menſchen voraus, der mit allen Kräften ſeiner Perſönlichkeit, mit Geiſt und Phantaſie, mit Gemüt und Willen der Dichtung ihren Gehalt und Charakter gibt. Dann wären alſo eben die Werke des Dichters der reinſte und vollkommenſte Ausdruck ſeiner Per⸗ ſönlichkeit? Gewiß ſind ſie das, nur hat es damit bei Schiller noch eine eigene Bevandfuis Wenn je, ſo paßt auf ihn das Wort aus Goethes Taſſo:

Der Lorbeerkranz iſt, wo er dir erſcheint,

Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks. Was aber erzählen uns Schillers Dichtungen von ſeinem perſönlichen Leiden?Dieſer heilige Mann! ruft Hebbel aus,wann hüätte er auch nur in einem einzigen Vers das perſönliche Leiden ſeines Lebens berührt! Immer hat das Schickſal geflucht und immer hat Schiller geſegnet. Indem alſo die Werke des Dichters von dieſen Leiden ſchweigen, werden ſie zu lauteſten Verkündern deſſen, was den Grundzug in Schillers Weſen ausmacht, werden ſie zu Verkündern ſeines ſittlichen Heldentums. Schillers Leben war ein fortgeſetzter Kampf, ein Kampf gegen hemmende und zerſtörende Mächte der Außen⸗ welt, ein Kampf gegen die feindlichen Gewalten in der eigenen Bruſt, gegen eine unbändig leidenſchaftliche Gemütsart, die nur in ſchwerem Ringen zu Gleichmaß und Frieden gelangen konnte, und nie hat im Lebenskampf Heldentum ſich herrlicher bewährt.

Schon der Knabe wurde auf die Bahn des Leidens geſtoßen. Die deſpotiſche Hand ſeines Fürſten entriß ihn dem Elternhauſe, dem gewählten Berufe, unterwarf den Jüngling, den ſeiner Entwürfe Flug bis an des Athers bleichſte Sterne erhob, dem Zwange einer herz⸗ und geiſtloſen Erziehung, und als Schiller endlich mit dem mediziniſchen Examen das Joch einer ſiebenjährigen Sklaverei abgeſchüttelt zu haben glaubte, trieb ihn das ſeinen innerſten Lebensnerv treffende Verbot des Herzogs, fürderhin Dichtungen zu veröffent⸗ lichen, zu einem verzweifelten Schritt: er riß ſich von Heimat und Elternhaus los und entfloh dem Tyrannen. Sein einziger Begleiter war ein rührend treuer, aufopferungsvoller Freund oder doch nicht der einzige? Neben dem Wagen, der die Flüchtlinge nächtlicher Weile aus Stuttgarts Toren entführte, ſchritten unſichtbar zwei unheimliche Geſtalten, die Not und die Sorge. Nunmehr betrat der Dichterder Irrnis und der Leiden Pfade, nun begann jenes halb wehmütige halb empörende Schauſpiel des Kampfes einer unendlich groß angelegten Natur mit allen kleinlichſten und erbärmlichſten Nöten des Lebens mußte er doch ſeine Uhr verkaufen, um ſich der ſchlimmſten Bedrängnis zu erwehren, und auf der ſchwarzen Wirtstafel im Gaſthauſe zu Oggersheim konnte manrecht ſäuberlich mit Kreide geſchrieben ſehen, was der Dichter der Räuber, des Fiesko und der Luiſe Millerin dem rauhen Wirte für Beköſtigung ſchuldete. Wir können bei Einzelheiten nicht verweilen, nicht ausführlich ſchildern, wie ſich dieſe wahreHerrennatur auch bei den härteſten Schlägen immer wieder aufrichtete, wie Schiller, getren dem Worte ſeines Karl MoorDie Qual erlahme an meinem Stolze bei Umſtänden ſich behauptete, in welchen jeden andern die Kraft verlaſſen hätte. Als er ſich dann endlich eine geſicherte, wenn auch beſcheidene Lebensſtellung erkämpft, als er ſich eine beglückende Häuslichkeit geſchaffen hatte, erſtand ihm ein neuer furchtbarer Feind in einer mörderiſchen Krankheit, die ihn nicht mehr verließ, deren tödliches Ende ihm, den früheren Arzte, nicht zweifelhaft war. Fortan leſen wir in den Briefen an Körner, an Goethe auf Schritt und Tritt Bemerkungen wieDer Kopf iſt mir von einer ſchlafloſen Nacht zerſtört oderIch habe wieder viel ſchlafloſe Nächte gehabt und ſehr an Krämpfen gelitten. Er klagt dem Freunde, daß erganze Wochen zu jeder Arbeit untüchtig ſei, daß ereinen Tag der glücklichen Stimmung mit fünf oder ſechs Tagen des Drucks und des Leidens büßen müſſe, rühmt einewohl ausgeſchlafene Nacht als eine beſondere Gunſt des Glücks kein Wunder, daß Goethe in einer ſchlafloſen Nacht ihn anruft alsden Heiligen aller am ſchlafloſen Zuſtande leidenden Menſchenkinder. Unter ſolchen Qualen entſtanden Schillers Meiſterwerke, aus Schmerzensnächten wurden jene Lichtſchöpfungen geboren wahrlich ein ergreifender Gegenſatz, dieſe aufs höchſte geſteigerte