Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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6 Kriegsgöttin die Jungfrau und pflanzt in Orleans das Siegeszeichen. Im blinden Wahnſinn der Ver⸗ zweiflung ruft Meſſinas ſtolze Königin Iſabella gräßliche Verwünſchungen herab auf das Haupt des un⸗ ſeligen Brudermörders. Und noch einmal hebt ſich der Vorhang: der Zauber der Alpenwelt umfängt uns. Ein ganzes

Volk iſt diesmal der Held, ein Volk, das kämpft für den heimiſchen Boden, für die Freiheit, für Weib und Kind. Ich brauche ſie nicht zu nennen, die Männer und Frauen dieſes Dramas. Noch heute iſt Wilhelm Tell das volkstümlichſte Schauſpiel deutſcher Zunge, noch heute vermag es alles aufzuregen, was in der Seele des deutſchen Volkes an edlen Gefühlen ruht, noch heute iſt es uns, als hätten die Berg⸗ rieſen ſelber Sprache gewonnen, wenn an unſer Ohr tönen die grandioſen Worte des edlen Stauffacher:

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Laſt greift er

Hinauf getroſten Mutes in den Himmel

Und holt herunter ſeine ew'gen Rechte,

Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne ſelbſt.

Fürwahr, auch des Dramatikers Schiller Ruhmestitel iſtunveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne ſelbſt, und was von dem Dramatiker gilt, gilt von dem Dichter Schiller überhaupt. Wer möchte beſtreiten, daß ſeine prächtigen Balladen, dieſe Verherrlichungen der ſittlichen Tat und der ſitt⸗ lichen Weltordnung, heute ſo lebendig ſind wie vor hundert Jahren! Wer bewundert nicht noch heute ſeine zahlreichen, tief aufgefaßten kulturhiſtoriſchen Gedichte, dieſe klaren Spiegelbilder werdender menſchlicher Geſittung! Wie gern begleiten wir auch heute noch den Dichter auf ſeinem Spaziergang durch das freundliche Grün der Wieſe, die duftende Kühlung des Waldes, über das jählings abſtürzende Gebirge auf der länderverknüpfenden Straße hinab in das prangende Tal, vorbei an muntern Dörfern zur türmenden Stadt und wieder hinaus in die ſchauerlich öde Wildnis, wo brauſend der Gießbach herabſtürzt durch die Rinne des Felſens und der im einſamen Luftraume ſchwebende Adler an das Gewölke die Welt knüpft auf jenem Spaziergange, der durch des Dichters hohe Kunſt zu einer Wanderung wird durch die Jahrtauſende der Menſchheitsentwicklung, von ihrem Zuſammenleben mit dem mütterlichen Grund der Erde bis zu dem höchſten Gipfel der äußern und innern Kultur, bis zu dem Punkte, wo die Kultur ſich

überſchlägt, die Entartung beginnt und der Menſch von neuem ſich flüchtet an den reinen Altar der ewig jungen Natur.

Wer hat ſchönere Worte gefunden für die Wirkung der Poeſie, die Macht des Geſanges, der her⸗ vorſtrömtwie der Quell aus verborgenen Tiefen und wecket der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar ſchliefen! Für den erhabenen Beruf des Dichters, in deſſen reinem Gemüt ſich die Welt, die ewige, ſpiegelt, der in die kleinſte Hütte einen Himmel bringt, der des Kummers Falten glättet, dem Leben den Jugendſchein erhält! Für Wert und Würde der Frauen, die er dem Manne als mild verſöhnende, ſtill wirkende Macht gegenüberſtellt, die mit ſanft überredender Bitte den Zepter der Sitte führen, die mächtig ſind durch der Gegenwart ruhigen Zauber! Wir gedenken auch Schillers ureigener Schöpfung, ſeiner Ideendichtungen, in denen, wie in den kulturgeſchichtlichen Gedichten der Hiſtoriker, ſo hier der Philoſoph, der Schüler Kants, einen innigen Bund eingeht mit dem kraftvoll geſtaltenden Dichter. Wir gedenken endlich jenerwundervollſten Beglaubigung vollendeten Dichtergenies, jener Dichtung, die alle bedeutenden Verhältniſſe des menſchlichen Lebens einſchließt, die die ganze Tonleiter der tiefſten menſchlichen Empfindungen durchläuft, des volkstümlichſten aller Schillerſchen Gedichte, an das Goethe ſeinen dem großen Freunde gewidmeten erhabenen Nachruf knüpfte, des Liedes von der Glocke.

Wenn dergeſtalt die Werke ihren Meiſter loben, was bleibt uns dann noch zu rühmen übrig? Ein Wort Goethes mag darauf die Antwort geben:In der Kunſt und Poeſie iſt die Perſönlich⸗