Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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Die deutſche Größe iſt eben für Schiller keine politiſche, ſondern eine geiſtig⸗ſittliche, in der Kultur und im Charakter des Volkes begründete. Um dieſer ſittlichen und geiſtigen Größe willen liebt und be⸗ wundert der Dichter ſein Volk, gibt er ihm den Vorzug vor allen andern.Dem Deutſchen, ſagt er in ſeinem politiſchen Glaubensbekenntnis,iſt das Höchſte beſtimmt, die Menſchheit, die allgemeine, in ſich zu vollenden und das Schönſte, was bei allen Völkern blüht, in einem Kranze zu vereinen.... Jedes Volk hat ſeinen Tag in der Geſchichte, doch der Tag der Deutſchen iſt die Ernte der ganzen Zeit.

Nun, ſeitdem dieſe Worte geſchrieben ſind, hat auch unſer Volkſeinen Tag in der Geſchichte gehabt, und wunderbar, derſelbe Dichter, der ein in unſerm Sinne patriotiſcher weder ſein wollte noch konnte, er hat dieſe Tage mit heraufführen helfen. In den beiden Dramen, die die Befreiung eines Landes von der Fremdherrſchaft, von dem Joch der Tyrannei zum Gegenſtand haben, hat er Worte geprägt, die zur Zeit der Freiheitskriege, zur Zeit des Ringens und der Sehnſucht nach politiſcher Einigung, zur Zeit der glorreichen Erfüllung das patriotiſche Empfinden unſeres Volkes mächtig erregt haben. Des edlen

Dunois Wort:. Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht

Ihr alles freudig ſetzt an ihre Ehre! das Wort der Jungfrau: Was iſt unſchuldig, heilig, menſchlich gut, Wenn es der Kampf nicht iſt ums Vaterland! haben in Millionen Herzen begeiſterten Widerhall gefunden. Wo iſt ſchlichter und kraftvoller ausgeſprochen, was gerade uns Deutſchen mit unſerm unſeligen Hang zum Parteihader ſo not tut, als in der Mahnung des ehrwürdigen Attinghauſen: 3 Ans Vaterland, ans teure, ſchließ dich an, Das halte feſt mit deinem ganzen Herzen! Wo endlich hat das deutſche Einheitsgefühl einen innigeren Ausdruck gefunden als in dem Ge⸗

löbnis des Rütliſchwures: Wir wollen ſein ein einzig Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen und Gefahr!

So iſt uns der Name Schiller zum Symbol geworden für die höchſten Güter der Menſchheit, für die hehrſten Empfindungen unſeres Volkes. Wir blicken zu dem Träger dieſes Namens auf als zu einem der Großen, die als leuchtende Gipfel über Zeiten und Völker der Menſchheitsgeſchichte emporragen, insbeſondere aber auch als zu einem der geiſtigen Führer der deutſchen Nation, dem Idealbild eines Mannes, der ſich kraft ſeines ſittlichen Willens zum edelſten Menſchentum emporgerungen hat, der Dichter⸗ herrlichkeit und Charaktergröße untrennbar in ſich vereinigt.

Als der bekannte Bildhauer Dannecker, der Freund und begeiſterte Verehrer Schillers, die Koloſſalbüſte des Verewigten geſchaffen hatte und ſein König, der ihn im Atelier beſuchte, angeſichts des Werkes ausrief:Potztauſend, wie groß! Aber warum ſo groß?, da entgegnete der Künſtler treuherzig: Ihr Durchlaucht, Schiller muß ſo groß ſein! Er hatte recht, der wackere Meiſter, ein Denkmal Schillers kann nicht leicht zu groß ſein, aber das ſeiner würdigſte Denkmal kann ihm überhaupt nicht errichtet werden in Erz oder Marmor, ſondern nur im Herzen ſeines Volkes, in dankbarer Erinnerung und nacheifernder Tat, in Erfüllung der echt Schillerſchen Forderung, die der Dichter einſt vor ſeinen akademiſchen Zuhörern in Jena in die Worte gefaßt hat:Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgezeit wieder abgeben müſſen, auch aus unſern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieſer unvergänglichen Kette, die durch alle Menſchengeſchlechter ſich windet, unſer fliehendes Daſein zu befeſtigen.