Aufsatz 
Zum Gedächtnis Schillers. Schulrede
Entstehung
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da weicht alles ehrerbietig zurück, eine Gaſſe bildet ſich, alle entblößen das Haupt, Väter halten ihre Kinder empor und flüſtern ihnen zu:Das iſt er, und alſo ſchreitet der Gefeierte durch die huldigende Menge.

Mit ſeinem Erſtlingswerke trifft der Dramatiker Schiller erſchütternd das Herz ſeiner Nation, feiert er einen Triumph, wie ihn noch kein deutſcher Dramatiker bis dahin erlebt hatte, und dem Dramatiker Schiller wiederum neigt ſich am Ende ſeiner Laufbahn in ehrfürchtiger Bewunderung, huldigt in jubelnder Begeiſterung als einem Dichterfürſten das deutſche Volk. Und ſo iſt es geblieben in den hundert Jahren, die ſeit Schillers Tode verfloſſen ſind; noch heute bilden ſeine Dramen den wertvollſten Beſitzſtand der deutſchen Bühnen, auch für uns ſind es nochunbegreiflich hohe Werke undherrlich wie am erſten Tag.

Schillers Talent, ſagt Goethe,war recht für das Theater geſchaffen. Mit jedem Stück ſchritt er vor und ward er vollendeter. Welch eine Entwicklung, beginnend mit den unreifen, aber rieſenhaften, von Leidenſchaft durchglühten, faſt in jeder Szene das dramatiſche Genie bekundenden Erſtlingsdramen, den Räubern, Fiesko, Kabale und Liebe, dieſenErzeugniſſen einer genialen Ungeduld, deren Sprache daherbrauſt wie ein Orkan, die mit elementarer Gewalt hervorbrachen aus der jugendlichen Schöpferbruſt, gleichſam ein zorniger Aufſchrei aus gequältem Herzen, das in ſeinem eignen Weh die Not, die Erbärmlichkeit der Zeit tauſendfach mitempfand und ſich aus der ſozialen Unnatur herausſehnte nach einfach natürlicher Menſchlichkeit! Welch ein gewaltiger Fortſchritt von hier zum Don Karlos und darüber hinaus zu dem Werke, von dem Goethe urteilte:Schillers Wallenſtein iſt ſo groß, daß in ſeiner Art zum zweitenmal nicht etwas Ähnliches vorhanden iſt. Fortan reiht ſich ein Meiſterdrama an das andere: Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans, und kaum hat Schiller ſeinem Freunde Körner die Braut von Meſſina überſandt, ſo ſchreibt er an ihn:Wenn mir die Götter günſtig ſind, das auszuführen, was ich im Kopfe habe, ſo ſoll es ein mächtiges Ding werden und die Bühnen von Deutſchland erſchüttern. Und es ward ein mächtiges Ding, es erſchütterte die Bühnen Deutſchlands, Schillers Wilhelm Tell.

Nun ſteht ſie vor uns, die lange Reihe machtvoller Schöpfungen, nach einem ſchönen Worte Richard Wagners ebenſoviele Säulen im Ruhmestempel des deutſchen Geiſtes, jene Dramen,

Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen

Um ein bedeutend Ziel vor Augen ſehen

Und um der Menſchheit große Gegenſtände,

Um Herrſchaft und um Freiheit wird gerungen, jene Tragödien, die uns durchſchauern mit der Ahnung einesgroßen gigantiſchen Schickſals, welches den Menſchen erhebt, wenn es den Menſchen zermalmt.

Wie könnten wir in dieſer kurzen Spanne Zeit auch nur einem der an Stoff und Gehalt ſo überreichen Dramen Schillers gerecht werden! Wir können nicht ſprechen von der meiſterlichen Führung der Handlung, der überlegenen Beherrſchung der Maſſen, der ſichern Wucht der tragiſchen Wirkung, dem ſo großartigen wie kunſtvollen Aufbau, woin edler Ordnung greifet Glied in Glied, der Pracht und kraftvollen Schönheit der Sprache, die bald majeſtätiſch ruhig in breitem Strom dahinfließt, bald auf⸗ ſchäumend ſich ergießt wie Ein Regenſtrom aus Felſenriſſen,

Er kommt mit Donners Ungeſtüm, Bergtrümmer folgen ſeinen Güſſen Und Eichen ſtürzen unter ihm.

Noch viel weniger würde es der Bedeutung des heutigen Tages entſprechen, wollten wir uns auf kritiſche Erörterungen einlaſſen oder gar uns auseinanderſetzen mit den unberufenen Verkleinerern des einzig großen Mannes. Der draſtiſche Ausſpruch, den Goethe einſt tat, gilt auch für unſere literariſchen Mode⸗ gecken:Wenn Schiller ſich die Nägel beſchnitt, war er größer als dieſe Herren. Wir alle wiſſen ja, daß auch der größte Genius dem Menſchlichen und Vergänglichen ſeinen Tribut zahlen muß, aber nur