Aufsatz 
Die stillen Freunde unserer Schüler. Eine gemeinsame Sorge für Schule und Haus
Entstehung
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körperliche Erholung bestimmten Zeit; er darf nicht bis in die späte Nacht oder gar noch im Bett lesen; er darf nicht in vornüber gebeugter Haltung lesen; er darf nicht zu viel und nicht zu lange lesen.

WMenn der Schüler seine Schulaufgaben angefertigt und sich körperlich von des Tages Last und Arbeit erholt hat, dann mag er sich ein Stündchen in sein Buch versenken: Mit dem kühnen Worschungsreisenden möge er in ferne Länder ziehen und manches Abenteuer erleben, mit Alexander, Cäsar und Napoleon gewaltige Schlachten schlagen und Länder erobern, mit dem Naturforscher durch Wald und Wiesen schweifen und möge ihm hierbei die Liebe zur Heimat ins jugendfrische Herz hineinwachsen.

Solche Lektüre vermag neue Lebensfrüchte zu bringen.!

Die Lektüre guter Bücher bewahrt zunächt unser Kind vor der Langeweile und dem verderblichen Müßiggang:Mit welchem Entzücken erinnere ich mich meiner Jugend, ruft begeistert Herder aus,da ich zuerst die deutschen und die alten Schriftsteller und die ersten Schriftsteller fremder Nationen las! Kaum reicht in meinen späteren Jahren etwas an diese Freude, an dies süße Erstaunen. In der Jugend ist die Seele der Biene gleich, die in dem ersten schönen Frühlingstage an jedem Kelch der jungen Blumen hängt und ihren ambrosischen Honig saugt; im Herbste des Lebens geht man über gemähte Wiesen oder gar über gebrachte und Stoppelfelder.

Wichtiger als das Fernhalten der Langeweile ist die belehrende Bedeutung des Lesens. Durch das Lesen guter Bücher wird das Sprachgefühl des Kindes geschärft, der schriftliche Ausdruck wird gewandt; die Anwendung der Regeln der Rechtschreibung und Sprachlehre geht dem Kinde in Fleisch und Blut über, ohne dabß es sich dessen bewußt ist. Ferner erwirbt sich der Junge einen großen Wortreichtum, der ihn nie in Verlegenheit bringt, wenn er sich ausdrücken soll.

Noch größeren Nutzen als die Form bringt der Inhalt guter Bücher. Dieser lenkt die Phantasie des Kindes in gesunde Bahnen, vermittelt ihm fast mühelos reiche Kenntnisse in der Geographie, Geschichte und den Naturwissenschaften und tritt so auffrischend und ergänzend zum Schulunterricht.

Form und Inhalt der guten Jugendschrift vereint wecken aber in unseren Kindern das Streben nach dem Guten und Idealen, er- ziehen unsere Jugend zur ästhetischen Genußfreudigkeit und zur Liebe am Schönen:Es ist gut, den Sinn der Kinder von früh auf an die Anschauung des Schönen zu gewöhnen. Das wirkt zu Gutem und Erhabenem für das ganze Leben. ¹¹)

Vergessen wir schließlich nicht, daß die rechte Lektüre der guten Jugendschriften nach des Tages Arbeit und Mühe dem Kinde auch geistige Erbolung gewährt.

Wer möchte nicht seinem Kinde solche reichen Nutzen fürs Leben versprechende Beschäftigung in richtiger Weise vermitteln!

¹) Berthold Auerbach, Volksbücher, Bd. 2, S. 412.