Aufsatz 
Die stillen Freunde unserer Schüler. Eine gemeinsame Sorge für Schule und Haus
Entstehung
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§ 3. Wie und wann sollen unsere Kinder das gute Buch lesen?

Der Junge wird sich meistens allein stillvergnügt in das gute Buch vertiefen und darüber nachsinnen. Jedoch möchte ich nicht verfehlen, auf den Nutzen und das Angenehme der Familienlektüre hinzuweisen. Ein rechtes, für die Jugend bestimmtes Buch wird auch von den älteren Mitgliedern der Familie genossen. Zudem haben wir hierdurch ein in vielfacher Beziehung praktisches Mittel, dem Kinde den Zauber der Häuslichkeit zu offenbaren und es das Heimatgefühl ahnen zu lassen, das ja in der Großstadt kaum mehr vorhanden ist. Pollack erzählt uns, wie köstlich seine eigenen Er- innerungen an solche gemeinsame Leseabende in der Familie waren: Mein sonst so sparsamer Vater verweigerte mir nie denBuch- dreier. Er hatte wie die Mutter und wir Kinder großen Gefallen an dem abendlichen lauten Vorlesen. Abwechselnd wurde das Vor- leseamt von den Zwillingen, meiner Schwester Maria und mir be- sorgt. Das Buch wurde zum Familienaltar, und alle saßen hoch- beglückt darum. Noch sehe ich den horchenden Vater hinter dem Tische, wie er untätig und starren Blickes in die Oellampe schaut und selbstvergessen mit dem angeketteten Lampenstocher in den Docht stört; die geschäftige Mutter hinter dem Spinnrade, wie der Faden bricht oder immer langsamer durch die Finger läuft, bis endlich Fuß und Faden ruhen; die neugierigen Geschwister, wie sie sich um den Vorleser drängen, sich auf die Zehen heben und mit ins Buch gucken: bis endlich ein tiefer Seufzer der Erleichterung die Spannung löst. Nun wurden die Bilder beschaut, die Leute im Buche beurteilt, die Möglichkeiten, wie es hätte gehen können, be- sprochen und allerlei über den Inhalt des Buches geplaudert.¹²) Und Berthold Auerbach sagt so schön:Gesegnet sei das Haus und die Stunde, da es der Familie gegönnt ist, ehrlich Gemeintes und schön Gebildetes gemeinsam in die Seele zu nehmen.*²) So wird das Haus, wie der gemütvolle Hansjakob ausführt,zum Heiligtum, auf dessen Boden das Kinderherz die seligsten Stunden lebt und träumt. Wo dieses Heiligtum steht, ist dem sehnenden Herzen gleichgültig.*

An dieser Stelle möchte ich auch das Wort reden dem Vor- lesen guter Lesestücke oder kleiner Muster-Erzählungen durch den Lehrer im deutschen Unterricht in der Schule. Der sorgfältig vor- bereitete Vortrag wird von den Schülern dankbar aufgenommen, in gespanntester Aufmerksamkeit lauschen sie und werden so auch unmerklich zum Geschmack an guter Lektüre erzogen.

Eine wesentliche in Betracht zu ziehende Seite des Lesens ist die Zeit, welche der Lektüre gewidmet wird. Als ersten Grundsatz müssen die Eltern festhalten, daß die pflichtgemäße Arbeit durch die Lektüre nicht leidet und der Gesundheit des Kindes nicht ge- schadet wird. Der Schüler darf also nicht lesen, bevor er seine Schularbeiten angefertigt hat; er darf nicht lesen während der für

¹) Pollack, Brosamen(Jugendleben), Wittenberg. Herrosé.

²) Berthold Auerbach, Volksbücher, II. Bd. S. 412.