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möglichst viel lesen, so leiht ihm das Papiergeschäft gegen den geringen Entgelt von 5 Pfg. für die Nummer so viel Exemplare, als er will. Ja, man schenkt dem Schüler sogar die elenden Sachen: Das eine Geschäft giebt für 10 Rabattmarken(zu 10 Pfg.) ein Heft als Gratiszugabe, während ein anderes schon bei den geringsten Einkäufen die Lieferung eines der oben gekennzeichneten Kolpor- tage-Romane als Zugabe schenkt.
Die vorstehenden Angaben sind mir von unseren Schülern gemacht worden; die Geschäfte, welche so vorgehen, liegen im näheren und weiteren Umkreis unserer Schule und werden von unsern Schülern aufgesucht. Unter diesen Umständen brauchen wir uns kaum darüber zu wundern, daß unter den Kindern die elende Lektüre so weit verbreitet ist, der Erwerb derselben ist ihnen ja so leicht gemacht!
Eine weitere Quelle für die Jugend sind die„guten“ Freunde, welche bereitwillig ihren Vorrat an Schund verleihen: Einen großen Teil der Hefte konnte ich von den Knaben nicht erhalten, weil sie an Kameraden anderer Schulen verliehen waren, andere Hefte blieben mir unzugänglich, weil unsere Schüler sie von Gespielen anderer Unterrichtsanstalten geliehen hatten. Ein äußerst eifriges, gegenseitiges Leihen der elenden Hefte war jedenfalls das betrübende Ergebnis meiner Nachforschungen.
Am traurigsten ist freilich der Fall, wenn die Eltern der Schüler diese elende Schreiberware kaufen, lesen und so ihren Kindern das schlechte Beispiel geben, oder wenn sie diese schlechten Hefte durch nachlässiges Aufbewahren in die Hände der Kinder geraten lassen oder gar ihnen die Erlaubnis zum Lesen geben.
Wenn man aber so zahlreiche Schundhefte in den Händen der Schüler sieht, so fragt man sich unwillkürlich, wie wohl die Kinder an das Geld kommen.
§ 3. Wie wirkt das schlechte Buch?
Es bedarf nicht langen Nachdenkens, um festzustellen, daß die Wirkung der Schundliteratur auf die Schüler die denkbar traurigste ist. Wie sehr die Arbeit darunter leidet, habe ich oben an einem Beispiele gezeigt. So mußten wir schon im Schulprogramm für 1906]07 die Aufmerksamkeit der Eltern unserer Schüler darauf hinlenken ¹):
„In neuerer Zeit wird es leider in immer mehr Geschäften üblich, neben ihrem eigentlichen Betrieb ganz billige Lektüre zu verkaufen, und Kinder lassen sich durch den Reiz des Neuen und Seltsamen leicht dazu veranlassen, dafür Geld auszugeben. Diese billige Lektüre ist aber nur zu oft spannend, aufregend, abenteuer- lich und deshalb für die heranwachsenden Knaben äußerst gefähr- lich. Die geschilderten Abenteuer sprechen aller Wirklichkeit Hohn und rauben den unverständigen Lesern den Sinn für die tatsäch- lichen Verhältnisse des Lebens. An der unnatürlichen Darstellung
¹) Programm der Liebig-Realschule für 1906/07, S. 23.


