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§ 2. Wie kommen die schlechten Bücher in die Hände der Kinder?
Die Gelegenheit, daß unsere Jungen an die schlechten Bücher kommen, ist so groß, daß wir eigentlich fragen könnten: Wie kommen die schlechten Bücher nicht in die Hände unserer Kinder?
„Es giebt im deutschen Reiche nicht weniger als 8000 Kol- portage-Buchhandlungen, welche sich vorwiegend mit der Ver- breitung von Schundromanen oder sonstiger Hintertreppenlektüre beschäftigen. Diesen 8000 Geschäftsleuten stehen 30 000 Kolporteure zur Seite, die in wohlorganisierter Weise den literarischen Schund in jedes Mietshaus der Großstadt, in jedes Mietshaus der Kleinstadt, in jedes Bauernhaus tragen. Die Summen, die hier umgesetzt werden, lassen sich nicht mit Bestimmtheit schätzen. Der Bibliothekar Dr. E. Schultze glaubt aber eher zu niedrig als zu hoch zu greifen, wenn er behauptet, daß in Deutschland alljährlich fünfzig Millionen Mark in Schundliteratur angelegt werden. Ein einziger Berliner Kolportageverleger, der Hintertreppenromane, ägyptische Traum- bücher, Geister- und Gespensterbücher vertreibt, gibt seinen Jahres- umsatz auf 25 Millionen Kolportagehefte an.“¹) Der Umsatz bei einem Kolportage-Roman„Der Scharfrichter von Berlin“ betrug allein drei Millionen Mark. ²)„Was von den Kolportageromanen gilt, ist in kaum geringerem Maße auch von den Buffalo-Bill-, Nick Carter- und Weltdetektivgeschichten u. s. w. zu sagen. Diese neuen, bis vor wenigen Jahren unbekannten Formen der schlechten Literatur haben es verstanden, sich mit einer Schnelligkeit und Gründlichkeit durchzusetzen, daß heute in jeder Kleinstadt Dutzende von Cigarren- und Papierhandlungen zu finden sind, welche diese literarische Schundware führen und die größten Geschäfte in ihr machen, und daß die Zahl dieser Geschäfte in jeder Großstadt nicht mehr nach Dutzenden, sondern nach Hunderten zu bemessen ist. Ja, in offenen Zeitungsverkaufsständen, die noch vor kurzem einen Kolportage- roman entrüstet zurückgewiesen hätten, in der Berliner Untergrund- bahn ebensowohl wie auf dem Theaterplatz in Hannover, überhaupt in jeder deutschen Großstadt ohne Unterschied, finden wir heute ganze Reihen dieser verderblichen Literatur ausgelegt.“¹ ³)
Schon der Schulweg und die nähere Umgebung der Schule bieten unseren Schülern die leichteste Gelegenheit, mit diesen Schund- heften bekannt zu werden. Die an den Schaufenstern ausgestellten blutigen und pikanten Bilder und die geheimnisvoll-schaurigen Titel reizen bald die Neugierde des unerfahrenen Kindes. Es tritt in den Laden ein und kauft das schlechte Buch für 10 oder 20 Pfg. Der Reiz ist so groß, daß dem ersten noch manche andere folgen. Allmählich entdeckt es, daß man auch gelesene Exemplare antiquarisch kaufen kann; es bezahlt für den Schund nur 4 Pfg. oder 5 Pfg. Im Räumungsausverkauf erhält der Junge aber auch ganz neue Schundhefte für die Hälfte des gewöhnlichen Preises. Will er
¹) Kolportage-Tatsachen. Der Kunstwart. 2. Augustheft. 1908. ²) Hochland. 1908. September-Heft: Schundliteratur. ³) Kunstwart. 1908. 2. August-Heft: Kolportage-Tatsachen. S. 235.


