Aufsatz 
Geschichte der Realschule während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens / [H. Gräfe]
Entstehung
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gemeine Erfahrung ſich ſtützt, wird zur gemeinen Routine, die wohl für äußerliches Zuſtutzen und Abrichten ausreichen, für geiſtige Bildung aber nicht wirkſam zu werden vermag. Bei einer zuſammengeſetzten Unterrichts⸗ anſtalt muß jede Kraft auf ein beſtimmtes Ziel hingerichtet ſein, muß jeder wiſſen, was er will und ſoll, müſſen die Gliederung jedes Unterrichtsgegenſtandes, die Steigerung der Klaſſen, das von Jedem zu bearbeitende Feld genau abgemeſſen, die disciplinariſchen Grundſätze und Maximen nach ſorgfältiger Erwägung feſtgeſtellt ſein, damit Einheit und ein organiſches Wirken Aller möglich wird. Jahrelang dauerndes Experimentiren und Pro⸗ biren iſt eine Sünde gegen die aufblühende Jugend. Zudem muß von denen, welche zur Wirkſamkeit an eine neugegründete Unterrichtsanſtalt berufen ſind, und wenn auch nicht von allen, ſo doch von einem kleinern oder größern Theile derſelben, gefordert werden, daß ſie das zu bebauende Feld durch Studium und Erfahrung be⸗ reits kennen gelernt haben, und das Weſentliche, worauf es ankommt, zu ermeſſen vermögen. Was individuelle Verhältniſſe noch außerdem erheiſchen, ſchließt ſich dann leicht an das Allgemeine an.

Ob aber nicht auf dieſe Art ein formeller Zwang für die Lehrenden erwächſt, der jedes freiere Spiel der Kräfte hemmt, unter welchem alles geiſtige Leben und Regen erſtarrt? Das, fürchten Andere, ſei die noth⸗ wendige Folge, wenn man in einer Anſtalt, wie eine Realſchule iſt, von vornherein Alles äußerlich normiren, alle Verhältniſſe im Voraus beſtimmen, für alle Fälle vorſehend ſorgen wolle. Dieſe Befürchtung kann unter Umſtänden gegründet ſein, geht aber an ſich betrachtet zu weit. Wir reſpectiren den Geiſt wie irgend Jemand, und in den Berathungen des Lehrercollegiums über organiſatoriſche Beſtimmungen haben mehr als Einer mit eiferſüchtigem Auge darüber gewacht, daß der Geiſt durch die äußere Form nicht gefeſſelt werde. Aber wie die Form ohne Geiſt völlig werthlos iſt, ſo iſt der Geiſt ohne Form geiſtlos, d. h. er hört auf Geiſt zu ſein, ſetzt ſich zur bloßen Meinung, zum Gutdünken herab und gebiert Willkühr und Unordnung ohne Maaß und Ziel. Alle äußere Lehrerwirkſamkeit muß durch feſte Beſtimmungen gebunden ſein. Wer dagegen ſich ſträuben wollte, wüßte nicht, was er wollte, oder er wollte, was er nicht ſollte. Gehen dieſe Beſtimmungen nur aus der freien Berathung und Beſchlußfaſſung des lehrenden Körpers, alſo aus dem Geiſte hervor, ſo ſind ſie auch bei aller etwaigen Veſchränkung, die ſie enthalten, nicht drückend. Denn dieſe Beſchränkung iſt ja doch nur Selbſt⸗ beſchränkung der individuellen Willkühr; dieſe Willkühr hat aber in ſolchen Angelegenheiten, von welchen hier die Rede iſt, nun und nimmer gültigen Anſpruch auf Berechtigung. Wen ſolche, auf die angegebene Art zu Stande gekommene, äußerlich beſchränkende Beſtimmungen wirklich drücken, der will da ein Individuum bleiben, wo er nur Glied eines Ganzen iſt und ſein darf. Wenn ſolche Beſtimmungen der Entwickelung einer geiſtigen Anſtalt hinderlich werden, ſo werden ſie es nicht durch ihre Natur, ſondern nur durch die Art und Weiſe, wie ſie geworden. Sind ſie nämlich nicht Erzeugniſſe freier Berathung und Beſchlußfaſſung derer, für welche ſie gelten; werden ſie von einem Einzelnen oder von einer Behörde rein äußerlich vorgeſchrieben, dann ſind ſie⸗ allerdings wirkungslos, dann werden ſie eine drückende Laſt, dann erſticken ſie ſogar die freie Regung des Geiſtes auf ſeinem eigenſten Gebiete. Alle ſpeciellen Lehrpläne, Reglements, Beſtimmungen und Vorſchriften, die ſo äußerlich zur Befolgung hingegeben werden, ſind vom Uebel. In einem ſolchen beklagenswerthen Falle befanden wir uns nicht. Unſere erleuchteten Schulbehörden hatten nur die allgemeinſten Grundzüge des Organismus der neuen Realſchule hingeſtellt, und auch dieſe nur nach dem Gutachten des zur Leitung der Anſtalt Berufenen. Dem Lehrercollegium aber war eine ſelbſtſtändige Stellung eingeräumt worden, in welcher es in freier Berathung und nur beſtimmt durch den von Wiſſenſchaft und Erfahrung in inniger Durchdringung getragenen Geiſte den organiſchen Bau vollenden konnte, wobei ſelbſt eine Aenderung der vorliegenden Grundzüge eben keine große Schwierigkeit darbot, wenn eine ſolche als nothwendig oder nützlich ſich ausgewieſen hätte.

Von den im Vorſtehenden kurz angedeuteten Gründen ließ ſich das Lehrercollegium unſerer Anſtalt leiten, als es die innere Organiſation derſelben zu Stande brachte. Wir wollen nicht Monate und Jahre lang im Finſtern tappen und die heiligſten Intereſſen der Jugend dem Zufalle und der Willkühr Preiß geben. Wir ſühlten, um bei der großen Anzahl der Lehrenden Unordnung zu vormeiden, das Bedürfniß, unſere Anſichten

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