Aufsatz 
Geschichte der Realschule während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens / [H. Gräfe]
Entstehung
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Grundſätze, und die die Anwendung derſelben ſichernden Maaßregeln ꝛc. vor, aber es waren nur einzelne Grundzüge, Gedanken, Entwürfe, welche die Gegenſtände im Allgemeinen betrafen, und erſt durch in's Einzelne gehende Berathung, Erwägung, Erweiterung, Verarbeitung und Feſtſtellung Fleiſch und Blut erhalten mußten. Wenn ſchon die Gründung einer ausgedehnten höhern Schule eine große Menge von Ueberlegungen und Ver⸗ handlungen erfordert, ſo erfordert die Ausführung der in wenige Sätze gefaßten Beſchlüſſe, wodurch das Re⸗ ſultat der Vorverhandlungen zuſammengedrängt wird, die wirkliche Einrichtung und Organiſirung einer Unter⸗ richtsanſtalt noch einen ungleich größern Aufwand von Zeit, Kraft und Mühe, nur daß hierbei, mit dem Weg⸗ fall einer durch den Dienſtpragmatismus gebotenen Weitläufigkeit und Umſtändlichkeit, die Arbeiten ſich in einen kleinern Kreis zuſammendrängen und unmittelbarer zur Entſcheidung kommen.

Bereits in der Sitzung des Lehrercollegiums, welche dem Tage der Eröffnung der Anſtalt unmittelbar vorausgegangen war, wurden einige unumgänglich nothwendige Beſtimmungen getroffen; und in den folgenden Sitzungen, welche raſch aufeinander folgten, nach und nach alle inneren Verhältniſſe der neuen Anſtalt geordnet. In dem Zeitraume vom 3. Mai bis 1. Juni fanden nicht weniger als 18 Sitzungen des Lehrercollegiums Statt, deren jede im Durchſchnitt drei Stunden dauerte. Die Gegenſtände, über welche in dieſen Zuſammenkünften berathen und beſchloſſen wurde, betrafen die Auswahl der Lehr⸗ und Leſebücher und anderer individuellen Lehr⸗ mittel, die Andacht vor Beginn des täglichen Unterrichts, die Schulverſäumniſſe und Führung der desfallſigen Liſten, die Beaufſichtigung der Schüler während der täglichen Freizeit, die Theilnahme der iſraelitiſchen Schüler an dem Unterrichte Sonnabends, die Aufgabebücher der Schüler, die äußere Ordnung in den Klaſſen beim Kommen und Gehen, beim Antworten ꝛc.; die allgemeinen Lehrmittel für den geographiſchen Unterricht, die Schuldisciplin und Strafgewalt der einzelnen Lehrer, die Specialinſtruction für die Lehrer der Anſtalt überhaupt, und für die Hauptlehrer insbeſondere, die den Schülern zu ertheilenden monatlichen und vierteljährlichen Cen⸗ ſuren, die Führung der Cenſurliſten, die Vertretung verhinderter Lehrer, die Einrichtung eines wiſſenſchaftlich⸗ pädagogiſchen Leſecirkels u. ſ. w. Den bei weitem größern Theil jener 18 Sitzungen nahmen aber die Ver⸗ handlungen über die Feſtſtellung des Lehrganges für jeden einzelnen Unterrichtsgegenſtand, das Reglement für Ausübung der Schuldisciplin und die ſchon erwähnten Specialinſtructionen für die Lehrer und HüßelePre i in Anſpruch.

Allen Lehrern der Anſtalt, die an den damaligen Verhandlungen Theil nahmen, wird der Monat Mai des Jahres 1843 gewiß auch wegen der Arbeiten unvergeßlich bleiben, die im Laufe deſſelben die Thätigkeit des Lehrercollegiums in Anſpruch nahmen. Es waren Tage angeſtrengteſter, mühevollſter Arbeit, aber auch Tage der lebendigſten geiſtigen Anregung und der reinſten Freude. Ich würde die Erfüllung einer Pflicht unterlaſſen, wenn ich nicht die gegenwärtige Gelegenheit benutzte, meinen Collegen den reinſten Dank für ihre damaligen aufopfernden Bemühungen öffentlich auszuſprechen. Als Männer hatten ſie ſich das Wort gegeben, die innere Organiſation der Anſtalt, an die ſie vertrauensvoll berufen worden waren, mit Beſonnenheit und wiſſen⸗ ſchaftlicher Umſicht, aber auch in möglichſt kurzer Friſt zu bewirken. Sie haben ihr Wort als Männer eingelöſt. Es war kein geringes Opfer, neben den laufenden Schularbeiten faſt täglich zu mehrſtündiger Berathung zu⸗ ſammenzukommen, und für dieſe Sitzungen außerdem noch ausführlichere Entwürfe und Relationen auszuarbeiten. Dennoch ließ die Begeiſterung für die ihnen an's Herz gelegte Anſtalt keinen Blick, kein Wort des Unmuths aufkommen. Jeder trug mit Freuden zur allgemeinen Arbeit bei, was ihm zukam und was er vermochte. Mit wiſſenſchaftlichem Ernſte wurden die für Schulverhältniſſe wichtigſten Discuſſionen geführt, und ſelbſt bei ſchroff hervortretendem Gegenſatze der Anſichten und bei den lebhafteſten Erörterungen und Gegenreden kam das colle⸗ gialiſche Verhältniß, in welchem Alle zu einander ſtanden, niemals in Gefahr. Die ſchmale Grenze zwiſchen Sache und Perſon wurde nicht überſchritten. War im Feuer der Rede und Gegenrede die Discuſſion derſelben nahe gekommen, ſo wußte der richtige Tact der Betheiligten von ſelbſt ſie wieder in den Mittelpunkt der Sache zurückzulenken.