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daß die bei dieſem Syſteme möglichen Nachtheile durch die erhöhete Thätigkeit der Lehrenden und Lernenden, durch Beſchränkung, beziehungsweiſe Uebergehung des Minderwichtigen in einzelnen Unterrichtsgegenſtänden, endlich auch dadurch gemindert, ja ganz beſeitigt werden würden, daß hier und da das Wiſſen gegen das Kön⸗ nen etwas zurückträte, wo es ohne wirklichen Nachtheil für das Können geſchehen könnte.
Die Erwartungen, welche wir von dieſem Syſteme hegten, ſind im Ganzen in Erfüllung gegangen. Die Anſtalt überhaupt und die einzelnen Klaſſen derſelben insbeſondere haben ſich auf ihren durch den Organiſations⸗ plan bezeichneten Normalſtand theils ſchon erhoben, theils demſelben ſich bedeutend genähert. Nur in einer Hinſicht hat die Erfahrung unſere Vorausſetzungen nicht gerechtfertigt. Wir hatten nämlich geglaubt, daß die Anſtalt durch den befolgten Plan ihren Normalſtand auch in den beiden oberſten Klaſſen nach zwei Jahren er⸗ reichen würde. Dies iſt aber nicht eingetroffen. Die den obern Klaſſen zugedachte Aufgabe erwies ſich doch etwas zu umfangreich, als daß ſie mit Erfolg hätte bewältigt werden können, wozu indeß wohl am meiſten der Umſtand beitrug, daß in der Auswahl des Lehrſtoffes bei einzelnen Unterrichtsgegenſtänden nicht immer das zuträgliche Maaß beobachtet wurde. Wir ſahen uns deshalb genöthigt, die Klaſſenziele in mehrern Fällen zu ermäßigen, und für die oberſten Klaſſen den Zeitraum, binnen welchem ſie ihren Normalſtand erreichen ſollten, um ein Jahr zu verlängern.
In Folge der angedeuteten Grundſätze wurden gleich von vornherein 9 Stufenklaſſen eingerichtet. Da jedoch das Reſultat der Prüfung unſern ermäßigten Erwartungen ſo wenig entſprochen hatte, konnten wir un⸗ möglich die oberſte Stufe als erſte Klaſſe bezeichnen, weil man doch von der erſten Klaſſe einer Realſchule un⸗ gleich mehr zu fordern berechtigt iſt, als wir auch bei angeſtrengteſter Thätigkeit und unter den günſtigſten Verhältniſſen zu leiſten im Stande waren. Die oberſte Stufe unſerer Anſtalt erhielt demnach den Namen „Zweite Klaſſe,“ dafür wurde aber die dritte Klaſſe in zwei Stufenabtheilungen, mit der Bezeichnung A und B, getrennt. Die fünfte Klaſſe aber mußte wegen zu großer Schülerzahl in 2 Parallelklaſſen getheilt werden. Als mit dem Anfange des zweiten Schuljahres mit der ganzen Anſtalt auch die 3 obern Klaſſen, in Bezug auf das Unterrichtsziel, eine Stufe höher gerückt waren, wurde auch ihre Bezeichnung geändert, und ſie hießen nun beziehungsweiſe IIA., IIB und III. Endlich wird mit dem bevorſtehenden Anfange des dritten Schuljahres für die beiden oberſten Klaſſen die Benennung„erſte,“„zweite“ angenommen werden. Zwar entſpricht das Unter⸗ richtsziel, welches in dieſen Klaſſen im neuen Schuljahre erreicht werden wird, dem im Organiſationsplane angenommenen noch nicht völlig, wird ſich aber demſelben bis auf einen nur kleinen Abſtand nähern, und es im vierten Schuljahre, ſo Gott uns hilft, erreichen.
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4. Eröffnung der Anſtalt.
Die anfangs auf Montag den 1. Mai 1843 feſtgeſetzte Eröffnung der neuen Anſtalt mußte um einige Tage verſchoben werden, weil es nicht möglich war, die dazu erforderlichen Vorbereitungen früher zu beendigen, und nicht alle Lehrer bis dahin zur Dispoſition geſtellt werden konnten. Erſt in der zehnten, am 3. Mai ge⸗ haltenen Sitzung des Lehrercollegiums konnten ſämmtliche Lehrer der Anſtalt(mit Ausnahme eines erſt noch zu beſtellenden) gegenwärtig ſein, und die Eröffnung der Realſchule fand am folgenden Tage, Donnerſtag den 4. Mai, Statt. Wohl wäre dieſer, für die ſtädtiſche Jugend und die Reſidenzſtadt Kaſſel überhaupt wichtige Tag einer angemeſſenen Feier würdig geweſen, weil an demſelben, zwar etwas ſpät, aber unter günſtigen Au⸗ ſpicien die Reform des ſtädtiſchen Schulweſens begann, und es wurde eine ſolche in größerem Maaßſtabe zu veranſtaltende Feier von den Schulbehörden auch in Betracht genommen. Noch aber hatte die neue Anſtalt kein eigenes für einen ſolchen Zweck geeignetes Local. Das ihr proviſoriſch überwieſene Hauptlocal enthielt nicht einmal einen Raum, in welchem auch nur die Lehrer der Anſtalt mit den Schülern der eigentlichen Real⸗


