Aufsatz 
Geschichte der Realschule während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens / [H. Gräfe]
Entstehung
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Interpunction theils gar nicht beachtet, theils ganz fehlerhaft, und die gröbſten orthographiſchen Fehler kamen noch häufig vor; in der Grammatik verdienten ſich faſt Alle die Noten ſehr gering oder doch gering; der ſchrift⸗ liche Gedankenausdruck war am erträglichſten, bei Einzelnen ſogar ziemlich gut, ja gut. In Bezug auf die mathematiſchen Disciplinen fehlte es faſt durchgängig ſogar an genügender practiſch⸗mechaniſcher Fertigkeit und gedächtnißmäßigem Wiſſen; Einſicht in das Verfahren und Verſtändniß der mathematiſchen Sätze wurde auf allen Stufen, mit ſeltenen Ausnahmen bei einzelnen Schülern, vergebens geſucht. Vom elementariſchen Rech⸗ nen hatte faſt kein einziger der jüngern Schüler eine Vorſtellung. In Hinſicht der deutſch⸗ſprachlichen Disci⸗ plinen zeichneten ſich verhältnißmäßig die bisher in dem hieſigen Gymnaſium unterrichteten, bezüglich der Mathematik aber mehrere Schüler aus der erſten Klaſſe der aufgehobenen Bürgerſchule, aus der ebenfalls auf⸗ gehobenen Realſchule und aus der Sallmann'ſchen Privatſchule aus; jedoch herrſchte auch unter den Schülern der ehemaligen Bürgerſchule und Realſchule im Canzen ſehr große Ungleichheit.

Das Geſammtergebniß der Aufnahme⸗Prüfung war ein in hohem Grade unerwartetes und betrübendes. Die ſchon im Prüfungs⸗Reglement ſo ſehr ermäßigten Anforderungen, mußten in der Prüfung ſelbſt noch weiter herabgeſtimmt werden. Dennoch fand ſich unter 31 für die erſte Klaſſe Geprüften kein einziger, der in allen Prüfungsgegenſtänden für dieſe Klaſſe, deren projectirter Standpunkt kaum dem der jetzigen dritten Klaſſe ent⸗ ſprach, genügend beſtanden hätte, wenn er auch in einzelnen Objecten die erforderlichen Kenntniſſe nachgewieſen hatte. Aehnlich verhielt es ſich bei allen übrigen Klaſſen.

Daß bei dieſer Darſtellung des Ergebniſſes der Aufnahme⸗Prüfung nichts übertrieben worden iſt, be⸗ weiſen nicht nur die dabei geführten und den Schulacten einverleibten Protocolle, ſondern auch die ſchriftlichen Arbeiten über jeden Prüfungsgegenſtand, welche in dem Archive der Realſchule niedergelegt worden ſind, und zu jeder Zeit eingeſehen werden können.

Da wir uns ſagen mußten, daß auch bei der größten Sorgfalt in den wenigen Stunden, welche auf die Prüfung verwendet werden konnten, nicht in allen Fällen völlig genau ſich ermitteln laſſen würde, für welche Klaſſe ein Schüler ſich eigne, ſo war im Voraus angenommen worden, in ſehr zweifelhaften Fällen eine pro⸗ viſoriſche Einweiſung in eine beſtimmte Klaſſe eintreten zu laſſen, bis ſich nach Verlauf von ein Paar Wochen zeigen würde, ob der Schüler für dieſe oder für die nächſt höhere oder nächſt niedrigere beſſer geeignet ſei. Eine ſolche proviſoriſche Einweiſung hat bei etwa 15 bis 20 Schülern Statt gefunden. Demungeachtet mögen genug unfreiwillige Irrthümer vorgekommen ſein. Die ſpätere Erfahrung hat wenigſtens beſtimmt herausgeſtellt, daß einige Schüler offenbar einer höhern Klaſſe, als ſie verdienten, andere einer zu niedrigen zugewieſen worden waren, ein Nachtheil, den auszugleichen, leider nicht möglich war.

3. Die erſte äußerliche Einrichtung der Anſtalt.

Die neue Realſchule war urſprünglich vorläufig auf ſieben Stufenklaſſen mit einem Marimum von 320 Schülern berechnet. Davon ſollten die drei unterſten die Elementar⸗ und Vorbereitungsſchule für die eigentlichen Realſchulklaſſen bilden. Da aber bereits bis zum 22. März die Anzahl der angemeldeten Schüler auf 520 ſich belief, ſo mußte bei der Schulbehörde auf Erweiterung der Anſtalt von 7 bis zu 9 Stufenklaſſen und auf Einrichtung von einer Parallelkaſſe angetragen werden. Die Genehmigung dieſes Antrags fand bei den Schulbehörden, und die Verwilligung der dazu erforderlichen Mittel bei dem Stadtrathe und Bürgeraus⸗ ſchuſſe kein Bedenken, da es in keinem Falle gerathen ſcheinen konnte, einen Theil der angemeldeten und an ſich aufnahmefähigen Schüler von dem Beſuche der neuen Anſtalt auszuſchließen.

So leicht die äußere Erweiterung der Anſtalt noch vor ihrer Eröffnung bewerkſtelligt werden konnte, ſo ſchwierig war es, die angemeſſene Stellung der Klaſſen zu ermitteln. Das gewöhnliche, bei Gründung ähnlicher