Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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deutſcher Kaiſer ſich vergeblich verſucht hatten. Freilich iſt die heutige Zuſammenfaſſung eine andere, aber auch auf geſunderen Grundlagen ruhende.

Frankreichs Geſchichte zeigt nach dem Wiener Kongreß die Herrſchaft der Bourbonen, die nichts gelernt und nichts vergeſſen hatten und darum unrettbar verloren waren; dann den Bürgerkönig Louis Philipp, eine neue Revolution, dann wieder die Republik und das zweite Kaiſerreich, deſſen Sturz und die neue ſeither beſtehende Republik. Man wird ſich begnügen müſſen, dieſe Hauptpunkte hervor⸗ zuheben. Die Beziehungen Frankreichs zu Italien und ſein Waffengang mit Deutſchland werden, wie bereits erörtert, an anderer Stelle behandelt.

Die vier noch übrigen europäiſchen Mächte, die der Geſchichtsunterricht im 19. Jahrhundert zu berückſichtigen hat: Rußland, England, Türkei und Griechenland gruppieren ſich um die ſogenannte orientaliſche Frage. Damit daß die Türken, die Jahrhunderte hindurch der Schrecken Weſteuropas waren, von der Offenſive in die Defenſive gedrängt wurden, und Rußland unter Peter dem Großen an Schwedens Stelle in die Reihe der europäiſchen Nationen trat, war die orientaliſche Frage vorhanden. Wie dieſe Frage auf die Stellung Preußens, Öſtreichs und Rußlands und ſchließlich auch Frank⸗ reichs und Englands zu einander ſchon frühzeitig einwirkte, iſt ſchon im vorausgehenden Unterricht bei den polniſchen Teilungen, dem öſtreichiſch⸗ruſſiſchen Krieg gegen die Türkei, der auf die Haltung der Koalitionsmächte einen tiefgreifenden Einfluß ausübte, der Napoleoniſchen Politik Rußland gegen⸗ über und endlich bei den Verhandlungen des Wiener Kongreſſes erörtert worden.

Nachdem dies nun zuſammenfaſſend repetiert iſt, wird die Entwickelung weiter verfolgt. Der griechiſche Freiheitskampf, der Krimkrieg, der ruſſiſch⸗türkiſche Krieg mit dem Frieden von San Stefano und dem Berliner Kongreß bilden die einzelnen Poſitionen der Erörterung. Es liegt in der Natur der Sache, daß wir hier das Jahr 1871 überſchreiten, weil der Berliner Vertrag eine völlig neue Grundlage für die Entwickelung der orientaliſchen Frage ſchuf.

Damit ſcheinen mir diejenigen Punkte erſchöpft zu ſein, die aus der äußeren Geſchichte des 19. Jahrhunderts in dem Gymnaſium eine Behandlung finden ſollen. Wenn es die Zeit erlaubt, würde es ſich ſehr empfehlen, eine durch die ganze Geſchichte ſich hinziehende Betrachtung mit den Schülern anzuſtellen über die wechſelſeitigen Beziehungen Frankreichs und Englands, um daraus ein Urteil zu gewinnen über die den natürlichen Bedingungen und Verhältniſſen beider Länder entſprechende Haltung derſelben innerhalb des Rates der europäiſchen Nationen. Während faſt die ganze Geſchichte, um es kurz zu faſſen, von dem Gegenſatz Englands und Frankreeichs erfüllt iſt, zeigt das 19. Jahr⸗ hundert ſeit dem Wiener Kongreß mehrfach Annäherungen: in der griechiſchen Frage, im Krimkrieg und bei der mexikaniſchen Expedition; dann tritt wieder ſtärker die Rivalität beider in der Mittelmeer⸗ frage hervor(Cypern, Tunis, Ägypten), und ſchließlich ſcheint die Hinneigung Frankreichs zu Rußland den alten Gegenſatz zu England wieder aufleben zu laſſen.

Es bleibt noch zu erörtern, was aus der inneren Entwickelung der Völker und Nationen im 19. Jahr⸗ hundert im Unterricht zu behandeln wäre. Wir brauchen nur noch einmal darauf zu verweiſen, was oben bereits angedeutet wurde, daß die hierher gehörigen politiſchen, kirchenpolitiſchen und volkswirtſchaft⸗ lichen Fragen als im vollen Fluß befindlich und unter dem Streit der Parteien ſtehend ein ge⸗ eignetes Material für den Unterricht nicht bieten. Ein Abiturient ſoll weder über die Elemente der ſozialen Frage, denn gerade in ihnen liegen die Schwierigkeiten des Verſtändniſſes, noch über die vielfachen kirchen⸗ politiſchen Fragen, noch über die Frage nach Schutzzoll oder Freihandel, noch endlich über die Frage der Berechtigung oder Nichtberechtigung der Kolonialpolitik Aufſchluß geben können; dies gehört

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