Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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ſollen bei dieſem Schwanken und Kämpfen nur ſein für ihn die nicht dem Wechſel der Zeit unter⸗ worfenen, ſondern ewigen, weil göttlichen, ſittlichen Ideen, die in den verſchiedenen Zeiten, bei den verſchiedenen Völkern verſchiedene Formen der Verwirklichung bald in größerer, bald in geringerer Vollendung gefunden haben. Die Ideen des Guten, der Gerechtigkeit und Liebe, der Wahrheit und Treue, der ſittlichen Verantwortlichkeit ſollen die Leitſterne der jugendlichen Entwickelung bleiben. ¹)

Aber die Forderung des Lehrplans beſteht doch, daß das Jahr 1871 das Ziel des Unterrichts ſein ſoll! Gewiß und ganz mit Recht! Wir wollen uns deshalb keine Mühe verdrießen laſſen und dieſe Frage gründlich erwägen, weil wir es für ſehr wichtig halten, daß gerade dieſe Periode der Ge⸗ ſchichte der Jugend in rechter Weiſe eröffnet wird. Meinen wir es gut mit unſerem Vaterland und ſeiner Zukunft, ſo müſſen wir zwar gute Patrioten, aber ja keine Parteipolitiker erziehen, auch keine geſinnungstüchtigen! Wie nun alſo ſollen wir den fraglichen Unterricht geſtalten?

Vor allem handelt es ſich zweifellos darum, daß der Geſchichtsunterricht für die Zeit nach den Be⸗ freiungskriegen zwar den univerſalen Charakter mit dem Mittelpunkt Deutſchland feſthält, aber doch inſoweit beſchränkt, als neben den epochemachenden Ereigniſſen der deutſchen Geſchichte nach unſrer Meinung nur noch in Betracht kommen können: Frankreich, Italien, England, Rußland, die Türkei und Griechenland.

Damit ſchließe ich ganz abſichtlich aus: die Geſchichte der anderen Weltteile, insbeſondere Amerikas, nicht als ob ich mir nicht bewußt wäre, wie hochintereſſant deſſen Entwickelung im 19. Jahrhundert, wie wichtig ſie für Europa iſt, aber ich gehe auch hier von dem Grundſatz aus, der wie erſichtlich meine Auffaſſung über den Geſchichtsunterricht überhaupt beherrſcht, daß alles, was getrieben werden ſoll, gründlich zu treiben iſt, ſonſt lieber nicht. Und gründlich die amerikaniſche Geſchichte zu treiben, geht ſchlechterdings nicht ſchon wegen der gänzlich mangelnden Zeit hierfür. Auch die Geſchichte Aſiens bietet im 19. Jahrhundert mehr als in früheren Jahrhunderten Berührungspunkte, die in nächſter Zukunft vielleicht ſchon(Japan, China) größere Bedeutung für uns gewinnen, und trotzdem wird von einer Behandlung der Geſchichte der aſiatiſchen Völker und Reiche abgeſehen werden müſſen. Von einer Geſchichte von Afrika kann überhaupt nicht die Rede ſein, und die Geſchichte unſerer Kolonialbeziehungen möchte ich ganz entſchieden dem geographiſchen Unterricht zugewieſen wiſſen. Da kann in ganz objektiver Weiſe die ganze Angelegenheit, ſoweit ſie ſich bis jetzt entwickelt hat, behandelt werden; aber mehr ſoll über eine Frage, über die die Meinungen ſo geteilt ſind, und die noch ſo wenig geklärt iſt, in der Schule nicht geſagt werden.

Von europäiſchen Staaten nannte ich nicht Spanien, Holland, Belgien, Schweden, Norwegen und Dänemark. Von letzterem wird natürlich die Rede ſein müſſen bei den Erörterungen über Schleswig⸗

¹) Wir leſen Z. G. W. 43, 525, daß ſich der Geſchichtsunterricht nach den ſittlichen Ideen richten müſſe, welche die Zeit beherrſchen, aber nicht bloß nach den Ideen, ſondern auch nach den wechſelnden Formen ihrer Verwirklichung. Wir halten dieſe Anſchauung für nicht unbedenklich, weil die Folge einer derartigen Geſchichtsbehandlung eine Ein⸗ ſeitigkeit ſein würde, die die jedesmalige Gegenwart mit ihrer vielleicht höchſt verkehrten Form der Verwirklichung einer ſittlichen Idee für das Ideal ſelbſt nehmen würde. Nein, der Geſchichtsunterricht hat ſich nicht zu richten nach ſondern hat darzuſtellen, wie die ſittlichen Ideen in der Geſchichte, im Leben der Völker und Fürſten zur Erſcheinung kamen, und bei der Bemeſſung der Wertſchätzung geſchichtlicher Vorgänge von den wirklichen ſittlichen Ideen auszugehen. Der Form, in der eine ſittliche Idee in irgend welcher Zeit in die Erſcheinung tritt, muß ſtets das Ideal ſelbſt lebendig gegenübergehalten werden, damit es Leben bekommt auch in den Herzen der Jugend und ſo allmählich einen Einfluß auf ein ganzes Volk, eine ganze Nation gewinnen kann. Wenn aber der Geſchichtsunterricht ſich

nach den wechſelnden und unvollkommnen Formen der Verwirklichung ſittlicher Ideen richten ſoll,

ſo kann eine ſolche Wirkung nicht erzielt werden. Wie erklärt ſich die gewaltige Wirkung von Fichtes Reden an die deutſche Nation?

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