Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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Für die innere deutſche Geſchichte iſt bis zu dem Jahre 1866 kein Ereignis von ſo tiefgreifender und einſchneidender Bedeutung geweſen als die Bewegung von 1848 und der folgenden Jahre, und wer dieſe Periode mit ihrer Fülle von Fragen, an denen ſich die Gegenſätze unſrer Tage noch erhitzen, behandeln will, muß die Jahre der Bewegung von 1848/50 ganz gründlich durchnehmen. Wie un⸗ endlich verſchieden wird aber dieſe Zeit angeſchaut je nach dem heutigen Parteiſtandpunkt! Was für den einen glorreich war, iſt für den anderen eine Schmach; was für den bedeutend, iſt für jenen wertlos.

Durch vielfache eigne Studien, die ſich auf eine ziemlich reichhaltige Materialienſammlung be gründeten, bin ich in der Lage dieſe Dinge ganz gut beurteilen zu können und kann nur das ſagen, daß es unendlich intereſſant zwar, aber auch unendlich ſchwer iſt, einen gangbaren Weg durch dieſe Jahre zu finden. Und wie ſollen ſie im Unterricht behandelt werden? Unter meinen Schülern ſitzen vielleicht die Enkel von Perſonen, die eine bedeutende Rolle in der Zeit geſpielt haben, die ſelbſt mit⸗ gewirkt haben! Iſt das ein geeigneter Stoff für den Unterricht, wo das Elternhaus mit einer noch von Perſon zu Perſon reichenden mündlichen überlieferung gemütlich beteiligt iſt? ¹) Damit aber nicht genug: die Zeit 1848/50 liegt doch wenigſtens 40 Jahre zurückl nein, alle die Gegenwart bewegenden Fragen, die ſoziale Frage(kaiſerliche Botſchaft, ſoziale Reichsgeſetzgebung) die kirchenpolitiſche, die Kolonial⸗ politik, Schutzzoll und Freihandel, alles das ſoll mit dem Ober-Primaner verhandelt werden, damit er ſeine eigne Zeit verſteht. Was müſſen das für Menſchen ſein, von denen man beim Abgang zur Univerſität ſagen kann: ſie verſtehen ihre Zeit! Ich würde eine Vereinfachung des Reifezeugniſſes daraufhin vorſchlagen, das nur dieſen Satz enthält, weiter nichts! Das iſt ein ſtolzes Wort! ²)

Aus einer Bemerkung(3. G. W. 43, 516) geht die Tendenz, die die Behandlung dieſer neueſten Geſchichte haben ſoll, glaube ich, deutlich hervor. Dort heißt es:Jetzt beſitzt jeder deutſche Bürger in dieſem Reiche eine Reihe von Pflichten und Rechten, und die Erörterung tiefgreifender politiſcher, wirtſchaftlicher, geſellſchaftlicher Fragen beſchäftigt die ganze Nation. Konnte es bei der Anſicht vom beſchränkten Unterthanenverſtand nach dem Jahre 1815 unerheblich erſcheinen, wie ſich in den Köpfen der Gebildeten die Zeit ſpiegelte, ſo kann es doch heute ſicherlich nicht dem Zufall überlaſſen bleiben, wie die künftigen Generationen bezüglich ihrer Vorſtellungen über die geſchichtlichen Verhältniſſe, über die daraus erwachſenden Pflichten, über die daraus entſpringenden ſtaatlichen und geſellſchaftlichen Fragen aufwachſen werden.

Ja, von einem begeiſterten Patriotismus, der über dem Gezänk der Parteien ſteht, ſoll der Schüler erfüllt ſein, wenn er das Gymnaſium verläßt, aber die Erziehung einer politiſchen und ſozialen Geſinnungstüchtigkeit, wie ſie in den eben citierten Worten angedeutet wird, das kann nicht das letzte Ziel des geſamten geſchichtlichen Unterrichts ſein. Wie ſich der junge Mann auf Grund eines von echter Vaterlandsliebe und unbarmherziger Wahrhaftigkeit durchdrungenen Geſchichtsunter⸗ richts den höchſt verwickelten Fragen der Gegenwart politiſcher, wirtſchaftlicher und kirchenpolitiſcher Natur gegenüberſtellt, das müſſen wir ſeiner künftigen Entwickelung als Student und als Mann überlaſſen. Iſt ein rechtes Streben in ihm, dann wird er gar mannigfaltige Phaſen durchzumachen haben, bis er zu unverrückbar feſten Anſchauungen durchgedrungen iſt. Feſtſtehend und unverrückbar

¹) Es iſt hier nur die Rede von der inneren Geſchichte. ²) Wie richtig trifft dagegen die ſoeben veröffentlichte Kaiſerliche Kabinetsordre betreffend die Organiſation des

Kadettenkorps dieſe Frage:Der Geſchichtsunterricht muß mehr als bisher das Verſtändnis für die Gegenwart und insbeſondere für die Stellung unſres Vaterlandes in derſelben vorbereiten.