Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Staaten, insbeſondere Athens und Spartas als notwendig mitzuteilen erſcheint. Man wird den Ver⸗ ſuch machen, die verſchiedenen Formen der Monarchie zur Anſchauung zu bringen, ebenſo die weitere Entwickelung der Staatsformen, die ſich in Griechenland mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit vollzog: der Ariſtokratie, Tyrannis, Demokratie; was Timokratie iſt, muß erörtert werden. Wer nicht darauf verzichten will, die Gerichtsreform des Perikles und damit im Zuſammenhang die Bedeutung des Areopag und der Heliäa(Solon, Kleiſthenes) zu erörtern, muß auch die Begriffe Civil⸗ und Strafrecht verſuchen dem Schüler näher zu bringen. Das Finanzweſen Athens nötigt zur Erörterung der ver⸗ ſchiedenen Arten von Steuern alſo eine Fülle der ſchwierigſten Fragen! Welcher Lehrer hier aber glauben ſollte, eine volle Ernte einthun zu können, und nur an dem, was von dieſen Fragen in Fleiſch und Blut der Schüler übergegangen iſt, das Maß ſeiner Leiſtungsfähigkeit zu bemeſſen genötigt würde, der würde dieſen Unterricht gern bald wieder abgeben. Daß die oben erörterten Begriffe und Verhältniſſe des Staatsrechts, der Rechtspflege und Wirtſchaftslehre dem Sekundaner zu voller Klar⸗ heit kommen könnten, iſt ſchlechterdings unmöglich. Es iſt das Alter, wo die Jugend erſt anfängt mit ſolchen abſtrakten Fragen umzugehen, wo ſie dieſen Dingen erſt Geſchmack abgewinnen muß. Die reiferen Schüler werden die gebotene Anregung dankbar aufnehmen und ihre Gedanken weiter ſpinnen, bis mit dem Fortſchritt des Unterrichts und unter dem Einfluß guter hiſtoriſcher Lektüre immer mehr eine Klärung eintritt, die aber erſt vollſtändig wird durch die wiſſenſchaftliche Begründung, die ihm das Studium bietet.

Es wäre nun eine lohnende Aufgabe, das ganze Gebiet des geſchichtlichen Unterrichts nach dieſer Seite hin durchzunehmen, wo ſolche Begriffe des Staatsrechts, der Rechts⸗ und Wirtſchaftslehre, der Kunſt und Wiſſenſchaft und der Litteratur zu erörtern ſind, aber dies würde den Rahmen dieſer Arbeit überſchreiten. Ich will in dieſer Beziehung nur noch andeuten, daß die mittelalterliche Geſchichte geradezu ſtarrt von ſolchen Fragen, und daß bei der verhältnismäßig größeren Unklarheit der Verhältniſſe die Schwierigkeiten noch viel größer ſind für Lehrer und Schüler. Bei der Erörterung der Beziehungen zwiſchen Königtum und Epiſkopat, Kaiſertum und Papſttum, Königtum und Herzogtum kommen äußerſt ſchwierige, oft durch die wiſſenſchaftliche Forſchung noch nicht zu ganz zweifelloſen Reſultaten geführte Fragen ſtaatsrechtlicher und juriſtiſcher Natur zur Behandlung. Die Volkswirtſchaft hat ſich der mittel⸗ alterlichen Geſchichte mit großem Eifer hingegeben ebenſo wie die Jurisprudenz, und bei einer ganzen Reihe von Punkten, z. B. dem Verhältnis der Kaiſer zu Italien wird die wirtſchaftliche Seite dieſer Beziehungen hervorgehoben werden müſſen. Der Übergang von der Natural⸗ zur Geldwirtſchaft, der ſich in Deutſchland vollzog, als in Italien längſt eine reine Geldwirtſchaft vorhanden war, wird hierbei nicht unerörtert bleiben können. Trotz des beſten Bemühens und der ſorgſamſten Vorbereitung wird dem Schüler vieles hier nicht völlig klar werden, weil er mit ſeiner geiſtigen Kraft erſt beginnt in dieſe Gedankenkreiſe ſich etwas einzuleben, und weil auch an ſich dieſe Fragen ſelbſt für den gelehrten Forſcher recht ſchwierig ſind.

Wenn nun auch für Ober⸗Prima die bedingenden Verhältniſſe günſtiger liegen(größere Reife reichere Beziehungen zur Gegenwart), ſo wird man doch auch hier auf ähnliche Schwierigkeiten ſtoßen. Wenn man den Ausbruch der franzöſiſchen Revolution durch Beſprechung der politiſchen, wirtſchaftlichen und litterariſchen Verhältniſſe vorbereiten will, ſo wird man immer und immer wieder die größten Schwierigkeiten haben, alle dieſe Beziehungen dem Schüler nahe zu bringen, und ein volles Ver⸗ ſtändnis, völlig klare Begriffe werden kaum erzielt werden können. Nun gar das 19. Jahrhundert mit den infolge der großartigen Erfindungen völlig umgeſtalteten Verhältniſſen, insbeſondere auf dem