Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

ergänzend die Verfaſſungsgeſchichte dazu, Kunſt und Wiſſenſchaft, Litteratur, Handel und Verkehr finden ſoweit notwendig ihre Stelle. Die religiöſe Anſchauung eines Volkes, die für die äußere wie innere Geſchichte, für Verfaſſung und Recht, für Litteratur und Wiſſenſchaft, für Handel und Verkehr von großer Bedeutung iſt, wird wohl in ihren Grundzügen bei dem Eintreten eines Volkes in die Geſchichte, d. h. wenn es als Ganzes für die Welt eine Bedeutung gewinnt, zu behandeln ſein. Eine Vereinfachung könnte hier eintreten, wenn man den univerſalhiſtoriſchen Charakter des Geſchichtsunterrichts auf der oberen Stufe mehr hervorheben würde. Man könnte dann für Unter⸗ und Ober⸗Sekunda zuſammen als Penſum anſetzen: Geſchichte des Altertums. Da ließe ſich mancherlei vereinfachen. Aus dem Dunkel der älteſten Zeiten treten ſchon ganz verſchiedene Völker heraus mit charakteriſtiſchen ſehr verſchiedenen religiöſen Grundvorſtellungen, die in ihrem kennzeichnenden Unterſchied, ſoweit er dem Verſtändnis des Schülers zugänglich iſt(man darf hier nicht zuviel vorausſetzen), dargeſtellt werden ſollen. Keine Mythologie ſoll hier gegeben werden, ſondern es ſoll nur der Grund gelegt werden für das Verſtändnis des geſchichtlichen Auftretens, das ſo oft von religiöſen Impulſen bedingt iſt. Wenn in dieſem Sinne von ÄAgyptern, Babyloniern, Aſſyriern, Phöniziern und Juden die Rede war, käme die ariſche Völkerfamilie nach dieſer Seite hin zur Darſtellung: Perſer, Griechen, Römer, Germanen; aber ich wiederhole nochmals: es handelt ſich nur um die religiöſen Grundvorſtellungen, nicht um eine Darſtellung des ausgebildeten Syſtems, wie es ſich bei den einzelnen Völkern unter den verſchiedenſten Einflüſſen ſehr verſchieden entwickelt hat.

Dann würde in nicht größerem Umfange, als es heute ſchon verlangt wird, die Geſchichte der genannten Völker immer in Rückſicht auf ihre welthiſtoriſche Bedeutung erzählt werden ¹). Es iſt dies weſentlich äußere, politiſche Geſchichte; denn ſoweit jene Völker in anderer Beziehung, Kunſt, Wiſſen⸗ ſchaft und Litteratur für die Welt von Bedeutung geweſen ſind, wird dies ſeine Darſtellung bei dem Auftreten der Griechen finden, in deren geiſtigem Leben die wichtigſten Fäden damaliger Welt⸗ bildung zuſammenliefen und eigenartig weiter geſponnen wurden.

In den Vordergrund des Unterrichts tritt nun das Griechenvolk mit ſeinem reichen Leben. Während Kunſt, Wiſſenſchaft und Litteratur eine für die Fortpflanzung der Kultur für alle Zeiten bedeutende und großartige Entwickelung fanden), treten die äußeren politiſchen Beziehungen zurück und tragen(mit Ausnahme der Perſerkriege und der griechiſch⸗makedoniſchen Verhältniſſe) meiſt nur einen lokalen Charakter; ſolche ausführlich zu behandeln, hat keinen Zweck, und es nimmt z. B. der peloponneſiſche Krieg aus bekannten Gründen einen viel zu breiten Raum ein, während die weltgeſchichtlich ungleich wich⸗ tigere Epoche der Beziehungen Makedoniens zu Griechenland oft nur ſehr knapp wegkommt. Wir wollen nicht rechten, wir wiſſen aus eigner Erfahrung, wie ſchwer es iſt, immer das richtige Maß zu halten.

Welche ſtaatsrechtlichen, juriſtiſchen und volkswirtſchaftlichen Begriffe und Verhältniſſe hier zu er⸗ örtern ſind, wird ſich nach dem Maße deſſen richten, was aus der inneren Geſchichte der griechiſchen

¹) Damit würde die natürliche Reihenfolge der Geſchichte der orientaliſchen Völker, die ſeither in die griechiſche eingereiht wurde, wiederhergeſtellt. Die Bedeutung des Orients rechtfertigt dieſe Anordnung, die, ſoviel uns bekannt, früher vielfach im Geſchichtsunterricht eingehalten wurde.

²) Man kann zweifelhaft ſein, ob dieſe Gebiete je nach den einzelnen Perioden der griechiſchen Geſchichte, die man gewohnt iſt zu unterſcheiden, zu behandeln ſind oder, was vorzuziehen wäre, zuſammenfaſſend im Zeitalter des Perikles oder Alexanders des Großen. Jenes würde den Höhepunkt bezeichnen, dies wäre der Moment, wo die griechiſche Kultur unter makedoniſcher Führung ihren Siegeszug durch die Welt antritt.