Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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48. des Lebens in den Kreiſen der weltlichen und geiſtlichen Herren wie der Bürger in den Städten während des 15. und 16. Jahrhunderts that ihr Teil, um das allgemeine Streben nach Anderung und Beſſerung

der Lage wachzurufen. Damit komplizierten ſich nun die kirchlichen und politiſchen Reformgedanken! Maßgebend bleiben doch in dieſer Beziehung immerhin die bekannten 12 Artikel.

Es iſt nun weiterhin bekannt, wie gerade von kirchlicher Seite von den fanatiſchen Schwarmgeiſtern auch kommuniſtiſche Ideen hierbei geäußert und ins Leben einzuführen verſucht wurden; dieſe Richtung vertraten Karlſtadt und Thomas Münzer, aber beides hatte urſprünglich nichts miteinander zu thun. Der Vollſtändigkeit halber ſei dann noch auf die Kataſtrophe der Wiedertäufer, bei denen ſich die Ge⸗ danken Münzers wieder finden, aufmerkſam gemacht. Was hier an kommuniſtiſchen Gedanken ſich findet, hat einen durchaus religiöſen Charakter. Wer wird es unternehmen wollen, hiermit unſere völlig irreligiöſe Sozialdemokratie, die aus rein wirtſchaftlichen Beſtrebungen hervorgeht, zu vergleichen? Wir können dieſe Bemerkungen nicht ſchließen, ohne noch anzufügen, daß bekanntlich über den Bauernkrieg die Akten keineswegs geſchloſſen ſind, daß vieles ſtreitig iſt und namentlich, daß wir nur für wenige Gegenden ¹) bis jetzt ſichere Anhaltspunkte über die agrariſchen Verhältniſſe der Bevölkerung vor dem Ausbruch der Bewegung haben.

3. Aus der Zeit der franzöſiſchen Revolution kann doch eigentlich nur der Verſuch Babeufs zum Vergleich mit der Sozialdemokratie herangezogen werden. Ob es ſich aber bei der geringen Bedeutung und gänzlichen Erfolgloſigkeit des Unternehmens, das an dem Widerſtand der Machthaber ſcheiterte, lohnt, dieſer Epiſode eine ausführliche Behandlung zu teil werden zu laſſen, um dann damit das Er⸗ ſcheinen der Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert vorzubereiten, dürfte ſehr zweifelhaft ſein. Sonſt weiſt die franzöſiſche Revolution ein Übermaß von kirchlichem und politiſchem Radikalismus auf aber Sozialdemokraten waren die Leute wie Danton, Marat, Robespierre keineswegs. Das Werden aber und Entſtehen der revolutionären Bewegung iſt ſo ſpezifiſch aus franzöſiſchen Verhältniſſen und Zuſtänden hervorgegangen, daß die Herbeiziehung der oben erwähnten, fundamental verſchiedenen ge⸗ ſchichtlichen Vorgänge nur geeignet ſein würde, die eine klare Vorſtellung, wie auf franzöſiſchem Boden, unter franzöſiſchen Zuſtänden, dieſe charakteriſtiſch franzöſiſche Bewegung ſich vollzogen hat, vollſtändig zu verwirren. Eine fruchtbare konzentrierende Behandlung iſt eben hier in dieſem Falle nicht möglich, am allerwenigſten aber können feſte, klare und unverlierbare Wahrheiten über die Sozial⸗ demokratie daraus gewonnen werden, weil deren Grundgedanken mit jenen Bewegungen gar nichts zu thun haben.

Ad 2. Dieſe Frage mag uns überführen zu der oben angedeuteten Betrachtung, ob es in dem Gymnaſium möglich iſt, die berührten Gebiete des Staatsrechts und der Nationalökonomie, wie es ein wiſſenſchaftlicher Unterricht verlangt, und wie es auf den anderen Unterrichtsgebieten gefordert wird, zu behandeln.

Eins dürfte von vornherein klar ſein: der wiſſenſchaftliche Unterbau, der für alle anderen Unter⸗ richtsgebiete vom Beginn des Schulunterrichts an ſorgfältig gelegt wird und zwar durch alle Stufen entſprechend dem jeweiligen Verſtändnis und der Faſſungsgabe der Schüler, iſt für eine Reihe der oben behandelten Fragen des Staatsrechts und der Nationalökonomie in gleicher Weiſe nicht zu gewinnen. Was an ſtaatsrechtlichen, juriſtiſchen und volkswirtſchaftlichen Begriffen in dem Gymnaſium zu erörtern iſt, wird auf die allmählich mehr wachſende Fähigkeit des Schülers abſtrakt zu denken fundiert werden müſſen,

¹) Wie z. B. für gewiſſe Rhein⸗ und Moſelgegenden in den Forſchungen von Lamprecht.