Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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begriffe, auf denen ſich dieſes ganze Gebiet aufbaut, und die nur auf dem Wege viſſeenſchaftlichen Denkens gewonnen werden, entziehen ſich dem Verſtändnis eines Primaners abſolut, und erfahrungs⸗ gemäß hat ſelbſt der Student noch in ſpäteren Semeſtern, wo er die nationalökonomiſchen Kollegien hört, Schwierigkeit dieſe Fragen zu verſtehen. Jeder, der ſich nur die Mühe gegeben hat, wiſſenſchaftlich in dieſes höchſt anziehende Gebiet einzudringen, und das Maß deſſen, was er als akademiſch gebildeter Mann wiſſen ſoll, nicht nach dem bemißt, was die Zeitungslitteratur oder die Salonunterhaltung etwa als unbedingt erforderlich vorausſetzt, wird mir beipflichten, wenn ich vor einer unzeitigen Behandlung dieſer nationalökonomiſchen Fragen warne.

Doch ſehen wir näher zu, um welche Begriffe es ſich handelt. Zunächſt um die grundlegenden: was iſt Arbeit, was iſt Kapital, welches ſind die Beziehungen zwiſchen den Darbietungen der Natur und der menſchlichen Arbeit? Was iſt Lohn? Ware? Geld? Dann kommen die Fragen des Handels und Verkehrs, der Münzvperhältniſſe(Währung). Endlich ſoll der Eigentumsbegriff erörtert werden, der ja wohl der Angelpunkt der ganzen ſozialen Frage iſt! Wir können uns ſchlechterdings keine Vorſtellung davon machen, wie dies alles mit einem 18jährigen Menſchen ſoweit behandelt werden kann, daß völlig klare Begriffe erzielt werden. Wenn man den Begriff Lohn erörtert, muß doch eine Definition gegeben werden, zunächſt ganz allgemein auf jede Art von Lohn anwendbar; dann muß die Frage beantwortet werden, wonach ſich die Höhe des Lohnes beſtimmt; vom ehernen Lohn⸗ geſetz, dem standard of life, muß geredet werden; welche Verſuche gemacht werden, dieſe ganze Frage von Grund aus zu reformieren. Das ſetzt nun ſchon wieder die Bekanntſchaft mit den Begriffen kapita⸗ liſtiſcher und ſozialiſtiſcher Produktionsform voraus. Wir halten ein! Nur der ernſtliche Verſuch einmal ſich völlig klar zu machen, welche ſchwierige Fragen hinter den aufgeſtellten Forderungen liegen, beweiſt die Unmöglichkeit ihrer Durchführung. Es gehört doch ſchon ein geſchultes philoſophiſches Denken dazu, um die grundlegenden Definitionen und den ganzen logiſchen Aufbau eines wirtſchaftlichen Syſtems zu begreifen. Wer iſt dem gewachſen? Ein Abiturient entſchieden nicht!

Wir wiſſen recht gut, daß das ganze Gebiet, von dem hier die Rede iſt, heute eine weit andere Bedeutung hat, als vor 20 und mehr Jahren. Unſer geſamtes öffentliches Leben iſt erfüllt von Fragen, die hierher gehören, und wer einmal am politiſchen Leben teilnehmen will, muß in wirtſchaftlichen Dingen zu Hauſe ſein. Darüber ſollte kein Zweifel herrſchen, daß jeder gebildete Mann, der Anſpruch erhebt, ein Urteil über wirtſchaftliche Fragen zu fällen, einmal dieſen Fragen wiſſenſchaftlich näher getreten ſein muß. Aber das Gymnaſium iſt dafür der Platz nicht, ſondern die Univerſität.

Man kann dabei wegen des troſtlos einſeitigen Erziehungsſyſtems unſrer Hochſchule ſogar wieder auf den horribeln Gedanken der Zwangskollegien kommen. Doch gehört dies nicht weiter hierher!

Es will uns bedünken, daß ein an ſich richtiger Grundgedanke mit die Urſache bildet für die Entſtehung der Forderungen auf dem Gebiet der Wirtſchaftspflege. Es iſt ganz zweifellos, daß unſern jungen Leuten, wenn ſie das Gymnaſium verlaſſen und meiſt gleich große Univerſitäten wie Leipzig oder Berlin beziehen, eine große Gefahr droht, nämlich daß ſie mit ihrem empfänglichen Gemüt, mit ihrem für das Ideale geweckten Sinn den Agitationen der Sozialdemokraten verfallen, ſofern ſie überhaupt Intereſſe für wirtſchaftliche Fragen bekunden'¹). Deshalb ſollen ihnen bereits auf dem Gymnaſium feſte, klare und unverlierbare Wahrheiten über die Sozialdemokratie zu eigen gemacht werden. Auch wir glauben, daß gegen ſolche Verſuchungen die Jugend mit 18 Jahren gewappnet

¹) Die Gefahr iſt um ſo größer, wenn der angehende Student in dieſen Fragen mit einer gewiſſen Vor⸗ bildung, die in ihm nur halbverſtandene Begriffe erweckt haben kann, die Univerſität bezieht.