Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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Bewußtſein ſeiner unzureichenden Kenntniſſe hat, indem der Lehrer in der Behandlung der Geſchichte ein lohnendes Ziel als auf dem Wege des Unterrichts noch unerreicht ſehen läßt und damit das Intereſſe für Weiterforſchung ſtets wach erhält. Von den Beziehungen der franzöſiſchen Litteratur zur Revolution iſt ja in jedem Hilfsbuch die Rede, und jeder Abiturient weiß etwas darüber zu ſagen, was allgemein genug iſt, um nicht falſch zu ſein und doch gänzlich ungenügend erſcheint. Durch den Unterricht muß in dem Schüler die Luſt erweckt werden, von den bahnbrechenden Schriften eines Montes⸗ quieu, Rouſſeau, Voltaire etwas kennen zu lernen, um einen wirklichen Begriff von der Wirkung der zeitgenöſſiſchen Litteratur auf alle Geſellſchaftskreiſe des damaligen Frankreichs zu bekommen. Wenn er ſich als Student, als junger angehender Beamter dies Intereſſe bewahrt hat und es in fleißigem Studium bethätigt, dann erſt wird das letzte Ziel des Unterrichts ſich erfüllen.

Ferner! Wird die wunderbare Wandlung der deutſchen Volksſeele, die ſich um die Wende des Jahrhunderts an der Hand der großartigſten Litteratur der Welt vollzieht, ſo ganz und völlig dem Verſtändnis des Primaners zu erſchließen ſein? Und doch ſollte er nichts davon ahnen? ſollte er nicht mit heißer Luſt erfüllt werden, dieſen Vorgang genau und nach allen Seiten hin verſtehen zu lernen? Der reifende Mann erſt wird mit der Ernte der Frucht beglückt, deren Kern der Lehrer in den frucht⸗ baren Boden eines jugendlich begeiſterten Herzens zu ſenken nie müde werden ſoll.

Der Geſchichtsunterricht nimmt aber keineswegs in der von uns behandelten Richtung eine iſolierte Stellung ein, es verhält ſich mit den anderen Zweigen des Unterrichts genau ebenſo. überall werden Fragen beſprochen werden müſſen, die ein volles Verſtändnis noch nicht finden, weil eben einem 19jährigen Menſchen zur geiſtigen Reife noch vieles fehlt. Die Erzeugniſſe der alten und neuen Litteratur werden mit vollem Verſtändnis erſt von dem gereiften und erfahrenen Manne geleſen, und für den Unterricht der Jugend kann nur verlangt werden, daß ſie in dieſen erhabenen Tempel geiſtiger Schätze einge⸗ führt wird, daß das Verſtehenlernen der Gedankenwelt der alten Philoſophen und Tragiker, wie der erhabenen Werke der modernen Litteratur nur eben angebahnt wird. Verhängnisvoll wirkt auch hier der Wahn, im Beſitz einer fertigen geiſtigen Bildung zu ſein, weil er das Weiterarbeiten hindert und eine geiſtige Stagnation verurſacht, als deren Folge wir dann einer Oberflächlichkeit des Urteils in Angelegenheiten des Geſchmacks in Litteratur, Kunſt, Muſik und Theater begegnen, die uns in Erſtaunen ſetzt. Noch wenige Worte über den Religionsunterricht. Auch er muß für den jungen Mann, der ins Leben tritt, ſchließen mit einem ungeſtillten Durſt nach Wahrheit. Die metaphyſiſchen Fragen konnten im Unterricht nur angedeutet werden; Ethik und Moral bedürfen noch ihrer tieferen Begründung. Wer es aber in dem Wahne, mit ſeiner Schulbildung für das Leben auszureichen, über dem Reiz der Sinnenwelt, die in verſtärktem Maße auf ihn einwirkt, wenn er das Elternhaus und die Schule verläßt, verſäumt, in redlicher, geiſtiger Arbeit ſich zu einer klaren Erkenntnis durchzuringen, wird, bald des letzten religiöſen Gefühls und der moraliſchen Kraft beraubt, haltlos die herrlichen Jahre der Jugend vergeuden.

Dieſe kurzen Andeutungen mögen als Hinweis genügen, daß die Verhältniſſe in anderen Unterrichtsgebieten ähnlich ſind wie im Geſchichtsunterricht. Kehren wir alſo zu dem Ausgangspunkt dieſer Ausführungen zurück! Wir ſuchten uns das Ziel des Geſchichtsunterrichts klar zu machen und hatten geſagt: Ziel des Geſchichtsunterrichts iſt die Kenntnis der Geſchichte derjenigen Völker, die für die fortſchreitende Entwickelung der Menſchheit eine beſondere Bedeutung gewonnen haben. Geſchichte iſt im weiteſten Umfang zu nehmen als Summe des Geſchehenen auf den verſchiedenen Gebieten der Lebensäußerung eines Volkes. Der Zuſtand aber des jugendlichen Geiſtes in dem Alter, in dem ihm dieſes Gebiet erſchloſſen wird, nötigt uns zur Formulierung eines beſchränkenden Zuſatzes: