Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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Dies iſt für den Deutſchen ebenſo unrecht, wie wenn er Schillers Wallenſtein oder Goethes Fauſt nicht mehr als einmal etwa auf der Schulbank geleſen hat.

Die oben behandelten Fragen der römiſchen Geſchichte führen uns über zu dem Mittelalter, nur daß die Zahl derjenigen Punkte, wo wir ein volles Verſtändnis des Schülers nicht erzielen können, der Natur der Sache nach viel größer iſt. Die wirtſchaftlichen Verhältniſſe im römiſchen Reich, der Kulturzuſtand der Germanen, ihr Einleben in die römiſche Geſittung und Bildung, ihre Annahme des Chriſtentums, alle dieſe Fragen weiſen eine Reihe von feinen Beziehungen auf und ſetzen ein hin⸗ gebendes Verſtändnis voraus, daß der Schüler ſich glücklich preiſen darf, wenn er einen Lehrer findet, der ihn einen Blick in dieſe Zeit gewaltiger, innerer und äußerer Umwälzungen werfen läßt; aber wie ſollte man zu der unverſtändigen Forderung kommen, daß bei dem Schüler ein gleiches Verſtändnis erzielt werden müſſe, deſſen ganzes geiſtiges Leben doch erſt im Werden iſt, während der Lehrer als reifer Mann aus einer Fülle von Erfahrung und Kenntniſſen, die er in fleißigem Studium erworben hat, ſchöpft! Zu den ſchwierigſten Partien mittelalterlicher Geſchichte gehört dann noch die Frage nach der Entſtehung des Lehensweſens, der Städteverfaſſungen und der Beziehungen zwiſchen Kirche und Staat. Früher hat man ſich in letzterem Falle vielfach begnügt, moderne Anſchauungen auf die mittelalterlichen Verhältniſſe zu übertragen und hat es dahin gebracht, daß in vielen Köpfen des gebildeten Teils der Nation ein völlig ſchiefes und unrichtiges Bild von den Beziehungen zwiſchen Kirche und Staat, ſagen wir beſſer Königtum, im Mittelalter ſich feſtſetzte.

Wir glauben, daß es ſehr ſchwierig iſt, auch bei einem Primaner zu völlig klaren Vorſtellungen in dieſen verwickelten Verhältniſſen zu gelangen, ſo daß ein richtiges Bild und ein gerechtes eignes Urteil erzielt wird, und billigen deshalb nicht die weitgehenden Forderungen, zu denen man in dem Beſtreben, die Leiſtungsfähigkeit der modernen Schule möglichſt zu ſteigern, kommt. In Schillers Handbuch der praktiſchen Pädagogik, 2. Aufl., S. 544, verlangt man von einem Unter⸗Tertianer, daß er in der Zeit Heinrichs IV. und Gregors VII. den Gegenſatz von Hierarchie und Staatsgewalt ver⸗ ſtehen lerne¹). Das dürfte ſchwerlich zu erreichen ſein, weil die Jugend in dieſem Alter nach einer anderen Koſt verlangt als nach kirchenpolitiſchen Auseinanderſetzungen.

Zwiſchen der Fähigkeit, den gebotenen Gegenſtand völlig zu erfaſſen und zu freiem geiſtigem Eigen⸗ tum zu machen, und der Schwierigkeit des gebotenen Stoffs iſt das relativ günſtigſte Verhältnis in der Ober⸗Prima vorhanden. Die Jugend iſt reifer, hiſtoriſch geſchulter, und der zu behandelnde Stoff liegt ihr zeitlich und nach ſeiner Intereſſe erweckenden Kraft näher. Zahlreicher werden die Beziehungen zur Gegenwart, und der Schüler folgt mit Begierde der Entwickelung ſolcher Fragen, welche die heute lebende Generation entweder gelöſt hat oder zu löſen verſucht. Doch auch hier wird ein volles Ver⸗ ſtändnis in allen berührten und von dem Lehrer ausgeführten Beziehungen nicht verlangt werden können. Es wird zwar immer einzelne Schüler geben, die ziemlich weitgehenden Anſprüchen genügen werden; dem Durchſchnitt jedoch werden viele Fragen gerade der neueren Geſchichte zur völligen Klarheit nicht kommen, und auf keiner Stufe iſt mehr als auf dieſer darauf Bedacht zu nehmen, daß der Schüler ein

¹) Derſelbe Pädagoge ſagt an einem anderen Orte, wo von den Beziehungen des Papſttums zur Staatsgewalt in der Gegenwart die Rede iſt(Z. G. W. 43, 531):Ein weiteres Eingehen in dieſe Fragen iſt weder erforderlich noch für die meiſten Schüler bei der kurz bemeſſenen Zeit und der Schwierigkeit der hier in Betracht kommenden Beziehungen zwiſchen Staat und Kirche verſtändlich. Hier ſind, und dies muß ausdrücklich bemerkt werden, Primaner

gemeint. Wir ſtimmen hiermit völlig überein, können aber dann die oben citierte Forderung an den Unter⸗Tertianer nicht begreifen.

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