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Damit aber iſt die weltgeſchichtliche Bedeutung dieſer Vorgänge noch durchaus nicht genügend gekennzeichnet, und der Lehrer darf nicht darauf verzichten, den Schüler hier einen Zuſammenhang ahnen zu laſſen, der auf dieſer Stufe zum vollen Verſtändnis nicht gebracht werden kann. Auch von einer Urteilsbildung nach dieſer Seite hin kann nicht die Rede ſein. Oder würde es in dem Munde eines Unter⸗Sekundaners nicht ſehr ſeltſam klingen: Aus eigner Kraft konnten die Griechen ihre Kultur der Welt nicht vermitteln, weil ſie politiſch nie zu einer Zuſammenfaſſung kamen, die die Vorausſetzung der Geltung in der Welt iſt; die makedoniſchen Könige Philipp und Alexander haben dieſe Aufgabe gelöſt und damit der Menſchheit einen unermeßlichen Dienſt geleiſtet? Und doch ſoll durch eine ausführende Behandlung gerade dieſes Gedankens ein Samenkorn in die Seele des Schülers gelegt werden, das ſpäter bei größerer geiſtiger Reife aufgehen wird, ſofern der Boden, in den es gepflanzt, nicht unbearbeitet liegen bleibt. Denn für diejenigen, die ihr hiſtoriſches Wiſſen und Begreifen mit dem Gymnaſium abſchließen, bleibt ein großer Teil der Weltgeſchichte in ihren Zuſammenhängen ein Buch mit ſieben Siegeln.
Wir kommen damit zu einem Einwand, der uns aus dem Vorhergehenden gemacht werden könnte, daß wir die Altersſtufe der Unterſekunda zur Grundlage unſerer Betrachtungen machten, ohne die Weiterbildung auch des hiſtoriſchen Wiſſens und der Fähigkeit, die inneren tieferen Zuſammenhänge in der Geſchichte zu begreifen, durch den ſprachlichen Unterricht einerſeits und den weiteren hiſtoriſchen Unterricht andrerſeits zu berückſichtigen. Zweifellos wird durch die Lektüre des Herodot, des Thukydides und des Demoſthenes die Möglichkeit geboten, das Verſtändnis der griechiſchen Geſchichte noch zu ver⸗ tiefen, und mancher Punkt, der dem Unter⸗Sekundaner nur eben dämmerte, wird dem Primaner klar, aber wir müſſen uns hüten, unſere Erwartungen zu hoch zu ſpannen; auch der Abiturient kämpft noch mit einer geiſtigen Unreife, die ihm das Verſtändnis der feineren Beziehungen geſchichtlicher Entwickelung unmöglich macht; und doch hat er ein Recht zu verlangen, daß der Geſchichtsunterricht ihn Blicke thun läßt und ihm Perſpektiven zeigt, die ſein Verlangen nach Wiſſen und Schauen ſtets wach und rege erhalten. Doch um einer gewiſſen Vollſtändigkeit willen wollen wir auch für die Zeit der Ober⸗Sekunda aus der römiſchen Geſchichte auf ein Beiſpiel hinweiſen, wie auch hier der Lehrer Anregung verbreiten und die Bildung neuer Vorſtellungen ermöglichen muß unter ausdrücklichem Verzicht einer völligen An⸗ eignung in dem Sinne, wie es oben auseinandergeſetzt iſt. Wie ein roter Faden zieht ſich durch die römiſche Geſchichte die Agrarfrage. Sie muß behandelt werden, weil an ihrer Löſung ſich ganze Generationen verſucht haben, und die innere Geſchichte Roms ſich geradezu um dieſe Frage gruppiert. Und doch, wie alle Fragen wirtſchaftlicher Natur, entzieht ſich auch dieſe Frage dem vollen Verſtändnis eines jungen Mannes, der eben eine wirtſchaftliche Geſamtanſchauung nicht haben kann; ohne national⸗ökonomiſche Studien iſt ſie auch nicht zu erwerben, und auf der Schule gar kann ihr Verſtändnis nur angebahnt werden; ganz ebenſo verhält es ſich mit der Menge ſtaatsrechtlicher Fragen, die bei der Entwickelung der römiſchen Magiſtratur oder der Kompetenz der Komitien zur Behandlung kommen. Wer es mit der Jugend gut meint und eine normale geiſtige Entwickelung nicht künſtlich unterbrechen will, ſoll nicht ſich, aber noch weniger die Jugend darin täuſchen, daß ein völliges Verſtändnis aller im Unterricht behandelter Fragen erzielt ſei. Der Lehrer giebt ſich zu Gunſten ſeiner eigenen Leiſtungsfähigkeit einer argen Täuſchung hin, während bei dem Schüler ein Zuſtand des Sattſeins, des Zufriedenſeins mit ſeinem bedeutenden Wiſſen, der Überhebung und Blaſiertheit eintritt, der ihn abhält, in ſeiner Univer⸗ ſitätszeit durch Lektüre guter hiſtoriſcher Werke die fehlende Bildung zu ergänzen. Begegnen wir nicht Dutzenden ſogenannter gebildeter Menſchen, die noch nicht eine Abhandlung von Ranke geleſen haben?


