Aufsatz 
Zum Geschichtsunterricht des Gymnasiums / von Theodor Goldmann
Entstehung
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Anſchauung darüber zu gewinnen, ehe wir über das Verhältnis der beiden Stufen zu einander und die Veranlagung des Unterrichts auf der unteren Stufe handeln.

Ich glaube, wir müſſen hierbei zweierlei unterſcheiden: ein auf den Schüler gerichtetes und ein gegen⸗ ſtändliches Ziel, d. h. was wir durch den geſchichtlichen Unterricht in erziehlichem Sinne bei dem Schüler erreichen wollen, und auf welche Gegenſtände innerhalb des umfaſſenden Gebiets der Geſchichte ſich der Unter⸗ richt zu erſtrecken hat. Die vorliegende Arbeit will nicht dies ganze Thema erſchöpfen, ſondern beſchränkt ſich darauf, über das Ziel des geſchichtlichen Unterrichts in Rückſicht auf die Gegenſtände zu handeln, dieſe näher zu unterſuchen und namentlich in betreff der neuerdings hierüber geäußerten Meinungen zu einer beſtimmten Anſchauung zu gelangen. Gleichwohl ſcheint es angebracht, ganz kurz auch jenes auf den Schüler gerichtete Ziel ins Auge zu faſſen und zu erörtern, welche erziehliche Wirkung der Geſchichtsunterricht hat, weil von hier aus immer der Blick nach jenem anderen gegenſtändlichen Ziele zu richten iſt, und Art und Maß der Gegenſtände des geſchichtlichen Unterrichts von der Aufſtellung des erziehlichen Zweckes beeinflußt wird.

Ein weſentlicher Faktor in dem Leben des Individuums iſt die Vergangenheit ſeiner Familie, wie für das Leben eines Volkes ſeine Geſchichte. Da aber eine Iſolierung weder in dem einen noch in dem anderen Falle exiſtiert, kommen noch andere erweiternde Beziehungen hinzu. Die Familie hat ihren größeren verwandtſchaftlichen Zuſammenhang in Geſchlechtern, ihre ſozialen Beziehungen im Wohnort, der hinwiederum zum Kreis, zur Provinz, zum Staat ſich erweitert. Das Volk lebt innerhalb eines Kreiſes anderer Völker, deren Beziehungen zu einander, bald friedlicher, bald feindſeliger Natur, ſehr mannigfaltig ſind und ſehr energiſch das Leben des einzelnen Volkes beſtimmen. Es war zu allen Zeiten eine Forderung an die Gebildeten der Nation, Geſchichte zu kennen, zunächſt um ihrer ſelbſt willen. Der Gewinn geſchichtlicher Bildung iſt das erſte Ziel des hiſtoriſchen Unterrichts; eng damit verknüpft ſich die Erwerbung hiſtoriſchen Sinns. Geſchichtliche Bildung ohne hiſtoriſchen Sinn, was an ſich denkbar iſt, gleicht einem toten Kapital, das keine Zinſen trägt(vergl. Herbſt, Schmid's Eneyklopädie 2. 972). Der hiſtoriſche Sinn erſt tritt urteilend den Perſonen und Ereigniſſen der Ver⸗ gangenheit und Gegenwart gegenüber und wird imſtande ſein, Anſchauung und Handlungsweiſe des einzelnen Menſchen wie des ganzen Volkes zu erfaſſen. Er wird ſich nach zwei Richtungen zu äußern haben: 1. in der Richtung auf das Vaterland und damit eine reine und wahrhaftige Vaterlandsliebe erwecken, 2. in univerſalhiſtoriſcher Beziehung und damit eine gerechte Abwägung und Beurteilung der verſchiedenen Völker und Nationen in ihrer geſchichtlichen Bedeutung ermöglichen. Hiermit treten nun die in anderen Unterrichtsgebieten gewonnenen ethiſchen und moraliſchen Begriffe zur Gewinnung vollſtändiger Urteile über Perſonen und Ereigniſſe in enge Verbindung, weil nur in der Kombination hiſtoriſchen Sinnes mit moraliſcher und ethiſcher Auffaſſung ſich auch wieder eine Rückwirkung auf das lernende Subjekt erwarten läßt. Je intenſiver die Lehren der Geſchichte bei dem einzelnen Menſchen wirken, um ſo mehr wird eine ganze Nation von dem echten und wahren Geiſt der Geſchichte beeinflußt. So bekommt der geſchichtliche Unterricht für den Schüler eine doppelte Richtung: auf die Vergangenheit zur Aneignung hiſtoriſcher Bildung und Erwerbung hiſtoriſchen Sinnes und auf die Zukunft in der Umſetzung der durch die Kombination mit moraliſchen und ethiſchen Begriffen gewonnenen Urteile in Handlungen¹). Damit möge unſer Standpunkt in Bezug auf das Ziel des geſchichtlichen Unterrichts für

¹) So ergiebt ſich die Beziehung des Geſchichtsunterrichts zur Gegenwart in natürlicher Weiſe: Die hiſtoriſche Bildung und der hiſtoriſche Sinn wird das Verſtändnis des Schülers für die ihn umgebenden Verhältniſſe vorbereiten und ihm die Möglichkeit ſchaffen helfen, einſt ſelbſt mit klarer Einſicht an dem öffentlichen Leben ſeines Volkes teilzunehmen.