Aufsatz 
Geschichte der Realschule zu Alsfeld während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens 1861-1885
Entstehung
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Bedingung verwilligt worden waren, daß voii den betreffenden Gemeinden ein Gleiches geschehe- arbeitete der Director einen ausführlichen Plan für die Erweiterung der hiesigen Realschttle auf 6 Klasseii ans, der voti Großherzoglichem Ministeriutn genehmigt wurde und im October 1868 ins Leben trat. Das Wesentliche dieser Umbildung faßte der damalige Director Schäfer in einer Schulrede in folgende Sätze zusammen:.

»Zunächst handelte es sich um eine Erweiterung hinsichtlich ihres Zwecks. Wie alle ähnliche höhere Unterrichtsanstalten, so hat auch unsere Schule den Hauptzweck, die Knaben zu tüchtigen, wackeren Jünglingen heranzubilden, aus denen Männer heranwachsen, die befähigt sind, ihre zeitliche und ewige Bestimmung zu erreichen. Neben diesem Hauptzweck sind ihr noch mancherlei besondere Aufgaben gestellt. Sie soll die Schüler, welche von ihr aus unmittelbar ins prak- tische Leben übergehen, mit einer größeren Summe voii Kenntnissen und Fertigkeiten ausrüsten, als es die Volksschule vermag. Sie soll diejenigen, welche eine höhere gewerbliche Ausbildung anstreben, befähigen, mit gutem Erfolg eine polytechnische Schule oder irgend eine Fachschule zu besuchen. Sie soll ferner diejenigen, welche sich einem wissenschaftlichen Beruf widmen wollen, so weit vorbilden, daß es ihnen möglich ist, in den mittleren oder oberen Klasseii eines Ghin- nasiums oder einer ähnlicheti Anstalt Aufnahme zu finden. Hierzii tritt nun in neuester Zeit noch die Aufgabe, die Schüler so weit zu bringen, daß ihnen das Zeugniß der Befähigung zum Eintritt in den einjährig-freiwilligen Militärdieiist ertheilt werden kann.

Mit der Erweiterung des Zwecks hängt die Erweiterung des Lehrstoffs bezw. Lehrplans innig zusammen. Die Anforderungen, welche in dieser Beziehung gestellt werden, richten sich theils nach innen, theils nach aussen. Es kommt einestheils darauf an, den seither be- handelteii Unterrichtsftoff noch gründlicher durchzuarbeiten und die Schüler zu größerer Sicher- heit im Wissen und Können, sowie zu erhöhter Selbstthätigkeit bei Anwendung des Gelernten zu bringen, und anderntheils soll auch in einigen Lehrfächerti dem äußereti Umfang nach mehr » geleistet werden. Wir dürfen uns nämlich nicht verhehlen, daß das Ziel, welches seither von

unseren Schülern, die die ganze Anstalt durchlaufen haben, erreicht worden ist, nur mit einer gewissen Hast und einer Anspannung von Seiten der Lehrenden und Lernenden zu erreicheii möglich war, wie es wohl beim Zusammenwirken voti besonders günstigen Verhältnissen ge- schehen kann, aber für die Dauer nicht als maßgebend angenommen werden darf. Bei der nunmehr vollendeten Einrichtung, die eine Verlängerung der Schulzeit bis zum erreichten sechs- zehnten Jahr voraussetzt, ist hierauf gebühreude Rücksicht genommen, und es kann sowohl eine gründlichere Aneignung des seitherigen Unterrichtsstoffes, als auch ein größeres Maß in einzelen Fächern für die Zukunft beansprucht werden. Im Deutschen wird durch nähere Bekanntschaft mit den Werken unserer klassischen Schriftsteller mehr Sicherheit, Gewandtheit und Feinheit im mündlichen und schriftlichen Ausdruck erzielt; ebenso im Französischen und Englischen durch längere Uebung mehr Fertigkeit und Sicherheit beim Uebersetzen, beim Nachschreibeti von vor- gelesenen Abschnitten und beim Anfertigen einer schriftlichen Uebung. Auch für die eigentlichen Sprechübungen kann mehr geschePeti, obwohl man in dieser Hinsicht keine hohen Anforderungetr stellen darf. Jn der Mathemati ist die ebene Trigouometrie, Einiges-aus der neueren Geo- metrie, die darstellende Geometrie und das Wichtigste ans der Combinationslehre herbeizuziehen, und mit Hilfe dieser erweiterten mathematischen Kenntnisse lassen sich auch die naturwissenschaft- lichen Fächer sowie die mathematische Geographie eingehender behandeln. Jm Lateinischen werden außer Cäsar noch zwei bis drei weitere Schriftsteller gelesen, und für die Schüler, welche später ein Gymnasium besuchen wollen, beginnt von der dritten Klasse an zugleich Unterricht im Griechi- schen, während sie auf das Englische verzichten.

Ein ebenfalls neu eingeführter Unterrichtsgegenstand ist israelitische Religion. Diese Ein- richtung ist ein Beweis dafür, daß die Anstalt darauf bedacht ist, die Gesammtentwickelung aller ihrer Schüler nach Kräften zu fördern; daß aber die israelitische Bevölkerung unserer Stadt und Umgegend auch diese Berücksichtigicng verdient, das hat sie durch ihre lebhafte Betheiligung an unserer Schule längst bewiesen.