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2) Muspilli. (Weltbrand.)
Dieses Bruchstück einer christlichen Lehrdichtung, welches die Vorstellungen des Zeitalters vom Untergang der Welt durch Feuer und vom jüngsten Gericht unter sittlichem Gesichtspunkt behandelt, ist von J. A. Schmeller in einer Emmeramer Handschrift der köuigl. Bibliothek zu Mäanchen auſgefunden und im Jahr 1832 unter dem Titel: Muspilli. Bruchstück einer althochdeutschen alliterierenden Dichtung vom Ende der Welt mit Faesimile und Glossar herausgegeben worden. Die Abfassung dieses Gedichts fallt ganz in den An- fang des 9. Jahrh. Der Dichter gehörte nach J. Grimm's Annalune(deutsche Myth. S. 768 und 771(2. Ausg.), S. 466(1. Ausg.) dem hairischen Volksstamm an. Die Auffiadung dieser Dichtung hat unbestreitbar bewiesen, dass, was früher noch von Manchem bezweifelt wurde, die Alliteration in ältester Zeit die allgemeine Diehtform aller germanischen Volker, nicht blos der nördlichen gewesen sei. Merkwurdig ist uns das Gedicht andererseits auch dadurch, dass es uns zeigt, wie bei dem neubekehrten deutschen Volke die alten heidnischen Religionsvorstellungen mit den biblisch- christlichen sich mischten. Denn die Schilderung vom Weltende durch Feuer trägt unverkennbare, selbst bis auf die Worte übereinstimmende Züge heidnischen Glaubens. Nach diesem sollte einst beim Nahen der grossen Götternacht die Götter- und Menschenwelt in einem gewaltigen Rampfe, worin alle bis dahin niedergehaltenen bösen Urmächte losbrechen, die Sterne vom Himmel fallen, die Erde bebt und die Berge wanken, insbesondere von Surtr, dem Beherrscher der im Süden gedachten und(in der Edda) Muspell oder Muspellheimr genannten Feuerwelt, und seinem leuchtenden Heere augegriffen, den Uatergang ſinden, und aus diesem Weltbrande(Muispilli) dann eine neue Erde und neuer Himmel mit verjüngten Gottern hervor- sehen. Von diesem in hochpoetischen Farben geschilderten Weltende hat der mit der heidai- schen Dichtung noch bekannte Verfasser unsers Bruchstückes manche grossartige Züge auf die Schilderung des jüngsten Gerichtes und des christlichen Weltunterganges übergetragen. Elias vertritt darin im Allgemeinen die Stelle des heidnischen Donar(Thor), der Antichrist die des Surtr. Vergl. J. Grimm deutsche Myth. S. 768— 776(2. Ausg.). Auch Darstellung und Ausdrucksweise unsers Dichters spiegelt noch die Frische, Rraft und Erhabenkeit unserer alten
Volkspoesie.
Wola ist durft mihhil allerd mannò welihhemo.
der där hiar in weroltt kiwerkôta upilo,
daz er kühe zi kinesanne duruh kotes kinada
enti rettè sèla sina ar Satanäses henti 3. ac sin iae biquemè, daz er téwan scal.
wanta sar sò sih diu sèêla in den sind arhevit,
enti si den lihhamun likkan läzzit:
s0 quimit ein heri fona himilzungalon,
daz andar fona pehhe; dar paâgant siu umpi. 10. sorgèn mac diu sela, unzi diu suona arget, za wederemo herie si gihalòèt werdé.


