Aufsatz 
Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache : das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche, das Wessobrunner Gebet und Muspilli : berichtigte Urschrift mit metrischer Uebersetzung in der ursprünglichen Versform und Anmerkungen / von H. Feussner
Entstehung
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II. Alliterirende Dichtungsreste aus christlicher Zeit.

Mit dem Uebertritt des deutschen Volkes zum Christenthum hricht seine ältere volksthümliche Dichtung, welche sich freudig in den weiten Gefilden seiner Gotter- und Ileldensage ergangen hatte, was die biskerigen Darstellungsstoffe betrifft, mit einem Male ab. RKein Stoff dieser Art findet in den ersten christlichen Jahrhunderten mehr eine Bebandlang. An die Stelle der bisher vom ganzen Volke gepflegten und weiter gebildeten Gotter- und Heldendichtung tritt von Rarls d. Gr. Zeit ab die ausschliesslich von Geistlichen gehandhabte christliche Dichtung, welehe sich nur mit biblischen und religiôsen Darstellungsgegenständen befasst. Nicht ganz so schnell, wie des frůheren Iahaltes, konnte sich diese geistliche Poesie der sprachliehen und metrisehen Form der alten Volksdichtung entäussern. Daher schen wir zunächst das überkommene, dureh die Al- literation oder den Stabreim bestimmte Geprage der Versbildung, sowie die altepisehen Aus- drucksformeln und Redewendungen noch eine Zeit lang fortdauern, und so lange diese Form be- steht, weht auch noch etwas herüber von dem frischen Geiste, von der kernigen Rraft und Er- habenheit der alten Poesie. Mit Oifrieds Evangelienharmonie, deren Abfassung zwischen 863 und 872 fallt, àndert sich auch dieses. Die neue Poesie kleidet sich von da an auch in eine ihrem Jahalt mehr zusagende neue Form; an die Stelle der Alliteration tritt der Endreim. Was uns aus der zwischen liegenden Uebergangszeit von alliterirenden christlichen Dichtungen in althochdeutscher Sprache erhalten ist, beschränkt sich auf folgende zwei Stücke:

1) Das Wessobrunner Gebet.

Dieses älteste Deukunal christlicher Dichtung in deutscher Sprache ist uns in einer aus dem bairischen Kloster Wessobrunn stammenden- Handsehrift des 8. Jalrh., welche verschiedene meist theologische Aufsäatze enthalt(s. Graff's Diutisk. II, 368 572]) und gegenwäartig auf der Bibliothek zu München aufbewahrt wird, erhalten. Seine Abfassung fällt unter RKarls d. Gr. Regierung gegen Ansgang des 8. Jahrh. Es hat, wie schon bemerkt, gauz die logische Form eines heidnischen Zauberspruechs, indem erst an die vorausgeschiekte Erzäahlung, wie Gott schon bei Aubeginn der Welt seine Gnade und Wohlthaten über das Menschengeschleeht ausge- breitet habe, die eigentliche Bitte um gleich gnädige Gewaährung dessen, was erfleht wird, an- gereiht ist. Das kleine Gedicht ist vielfach bearbeitet und kerausgegeben worden. Ich erwähne nur die Ausgabe der Gebrüder Grimm, Cassel 1812(zugleich mit dem Ilildebrandslied), das Wessobrunner Gebet herausg. von W. Wackernagel, Berlin 1824, und die Erläuterungen zum Wessobrunner Gebet von II. F. Massmann.

Gleichwohl ist die metrische Gestalt desselben bisher mehr, wie bei irgend einem der hier behandelten Stücke, im Argen geblieben, weil man einige Lacken der Handsehrift nicht gehörig erkannt, und deshalb theils in der ersten Halfte die Verse unrichtig geordnet, theils die zweite IHalfte fur Prosa angesehen hat. Erwälmt wurde schion beilauſig im Vorbergebenden, dass das Gedicht vielleicht nur ein aus einer grossern Dichtung entlehntes Stück ist, da die Handschrift ihm die Ueberschrift De poeta gibt, welehes leicht so viel, als das gewohnliche e poeta, d. h. aus einem Dichter entnommen, konnte heissen sollen.

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