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2) Die beiden Merseburger Zaubersprüche.
Diese beiden kleinen Dichtungen, welche, wie schon der Inhalt lehrt, zuverlässig dem deut- schen Heidenthume angehören, sind erst im Jahre 1841 von Georg Waitz in dem alten Bü- cherschatze des Domkapitels zu Merseburg entdeckt, und darauf von J. Grimm in den Abhand- lungen der Berliner Akad. d. Wissensch. vom Jahr 1842 mit Erläuterungen begleitet bekannt gemacht worden. Sie befinden sich in einer Pergamenthandschrift jener Bibliothek, welche theologische Abhandlungen, Gebets- und Beschwörungsformeln enthaält, und sind in Schriftzügen des 10. Jahrh. geschrieben. Die Sprachform aber, in der sie abgefasst sind, erscheint wenig- stens gleich alt mit der des Hildebrandsliedes und weist auf die Gränzscheide des 7. und 8. Jahr- hunderts. Auch das mundartliche Gepräge derselben steht von der Sprache des Hildebrandsliedes nicht sehr fern, stellt sich, wie diese, als eine mitteldeutsche, noch dem hochdeutschen Sprach- stamm angehörige Mundart mit niederdeutschen Eigenheiten dar, und wird von J. Grimm in die unteren Saalegegenden gesetzt, wo hoch- und niederdeutsche Mundart sich berübhren.
Was den Inhalt angeht, so ist das erste Denkmal, das man mit dem am meisten kennzeich- nenden Worte Idis?(d. k. Jungfrauen, hier die das Schicksal der Schlachten lenkenden Wal- küren) zu bezeichnen pflegt, ein Zauberspruch zur Lösung der Fesseln eines in Gefangenschaft geratbenen Kriegers; das zweite, das man nach den Worten Balderes volon benannt hat, eine Besprechungsformel zur IHeilung der Fussverrenkung eines Pferdes. Diese Art Sprüche, die immer Ausdruck eines von übermenschlichen Maächten zu verwirklichenden Wunsches sind, bil- den in unserer alten Poesie eine besondere Gattung kleiner Dichtungen, für die eine ziemlich ſeststehende logische Einkleidungsform herkömmlich war. Es wird näamlich fast immer eine kurze Erzählung, oft blos eine Erwähnung eines früher dagewesenen ähnlichen Falles, in welchem wirklich oder angeblich erfolgt ist, was gerade begehrt wird, vorausgeschiekt, und daran denn der Wunsch geknüpft, dass im vorliegenden Fall dasselbe geschehen möge, was in jenem geschah. Es ist die Einkleidungsform dieser heidnischen Wanschsprüche auch in christlicher Zeit beibe- halten worden, und wir ſinden sie nicht nur in den àbnlichen sympathetischen Besprechungsfor- meln aus christlicher Zeit, z. B. in der aitniederdeutschen:
Visc flôt aftar themo watare verbrustun sina fetherun
thô gihélida ina üse druhtin. the selvo druhtin,
thie thena visc gehelda, thie gehèlè that hors theru spurihelti. Amen.
sondern auch in wirklichen Gebeten, denn das folgende Wessobrunner Gebet hat ganz dieselbe Einkleidung.
Tdisi.
Zauberspruch zur Lösung der Fesseln eines Kriegsgefangenen.
Eiris säzun dist, säzun éra duondi; sumà hapt heptidun, sumaà heri lezidun, sumâ clůúbòdun umbi cunniò widt:
inſlinh haplbandum, invar vigandum!


