Aufsatz 
Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache : das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche, das Wessobrunner Gebet und Muspilli : berichtigte Urschrift mit metrischer Uebersetzung in der ursprünglichen Versform und Anmerkungen / von H. Feussner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6 tüch. Die diesem Rampfe vorangehbenden Wechselreden der beiden Helden, und ein Theil des Zweikampfs selbst, mit dem es abbricht, bilden den Iuhalt desselben..

Es erübrigt nun noch die Frage, wie das Ganze beschaffen gewesen sein möge, von dem in unseri Bruchstück nur ein Theil vorliegt, ob es ein kleineres romanzenartiges Lied, das nur diesen Rampf zwischen Vater und Sohn zum Gegenstande hatte, oder ob es eine umfangreichere Ieldendichtung gewesen sei. In Bezug auf diese Frage muss ich wieder ganz Gervinus beitre- ten, wenn er a. a. O. S. 53 sagt: Ich behaupte nun geradezu, dass es vielleicht ausser einigen sriechischen Resten keine rhapsodische Erzählung aus alter Zeit gibt, welche das Gepräge und die Fähigkeit zu einem engern Zusammenhaug mit einem epischen Ganzen so deutlich an sich trägt, wie dieses Hildebrandlied; ja ich glaube ziemlich fest, dass wir, wenn wir nicht blos ein Bruchstück hätten, den bestimmten und ausgemalten Schluss jener anderen Lieder in unse- rem alten nicht ſinden würden, sondern dass uns auch vielleicht das Ende anderswohin weisen würde, eben wie gleich im Anfang das Interesse bei Andeutung von Hildebrands merkwürdiger und grosser Vergangenheit über die Gegenwart hinweg geht. Wie könnte man von einem Dichter, der, so weit das Bruchstück vorliegt, die Runst des allmäligen Vorbereitens und Mo- livirens(s. unten in den Aumerkk.) in so ausgezeichnetem Grade übt, erwarten, dass er seinem Liede einen in der Bezichung von seiner soustigen Darstellungsweise so ganz abweichenden, völ- lig abgerissenen Eingang gegeben habe. Denn davon zu schweigen, dass wir über Ort und Zeit des Rampfes, über das Allgemeine der Persönlichkeit der Helden und ihre Vorgeschichte ganz im Dunkeln gelassen werden, auch über die Art des Zusammentreffens, über den Anlass zur Ausforderung erfahren wir kein WWort. Das gleicht gar nicht der sonstigen Art unsers Dichters. Zwar hat man sich, um das als eine allgemeine Eigenheit der alten Dichtkunst nachzuweisen, auf das Ludwigslied berufen; allein sehr mit Unrecht. Denn abgeschen davon, dass der Dichter des Ludwigsliodes in künstlerischer Rücksicht mit dem unsrigen kaum in einen Vergleich kommen kann, so ist auch keine Gleichheit des Falles vorhanden. Deun der Dichter des Ludwigsliedes besingt erstlich nicht einen Stoff aus der Vergangenbeit, und in fernen Landen vorgefallen; son- dern eine Begebenheit, die kaum vor Jahresfrist sich ereignet, die im eigenen Vaterlande statt Sefunden und von dem eigenen Herrscher, von dem eigenen Volke dieses Landes war ausgeführt worden. Wenu also irgendwwo, so wvar hier keiae lange Vorbereitung der Hörer oder Leser nölhig, da diese, wenn nicht als Mitkämpfer der besungenen Sechlacht, so doch durch die Er- zählung davon hinlänglich unterrichtet waren. Gleichwohl beginnt der Dichter mit einer Vor- geschichte seines Ielden, berichtet daun die Anlässe, welehe die Schlacht herbeiführten, hierauf die Vorbereituangen zu derselben, ebe er zur Schlacht selbst kommt. Von alle dem in unserem Liede nichts, wo es doch viel uothwendiger War. Was die Formel des Anfangsverses Ik gihörta dat seggen anlangt, so ist sie keineswegs ausschliesslich Eingangsformel eines Ganzen, im Gegentheil erscheint sie und die ikr gleichbedeutenden fast immer nur als Uebergangsformel zwischen den Absechnilten eines grössern Ganzen: so in Muspilli V. 36 daz hört ih rahhön; im Heljand öfter that gifragn ik und selbst im Wessobrunner Gebet, wo sie allein als Anfang erscheint, könute es dieselhe Bewaudltniss haben: denn die Handschrift desselben trägt die Ueber- scbrift De poeta, was leicht so viel sagen könnte, als das sonst gewöhnliche e poeta, d. i. eine aus einem Dichter entnommene Stelle. Alles zusammengenommen, glaube ich daher, dass wir mit Sicherheit annehmen dürfen, von dem Ganzen der Dichtung, welecher unser Bruechstück engehörte, Weder Aufang noch Schluss zu besitzen, sowie dass nach Anlage des Bruchstücks zu urtbeilen, diese eine umfassendere Dichtung gewesen sein müsse, welche etwa Dieterichs Flucht ru den Hunnen, seia Aufenthalt bei ihnen und seine Rückkehr in das Vaterland, oder wenigstens die letatere zum Ge genstand hatte.