Aufsatz 
Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache : das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche, das Wessobrunner Gebet und Muspilli : berichtigte Urschrift mit metrischer Uebersetzung in der ursprünglichen Versform und Anmerkungen / von H. Feussner
Entstehung
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legt er ein einseitiges Gewicht darauf, nirgends lässt er dem Helden ein Wort entschlüpfen, das wie etwas Prahlerisches aussähe, etwas von dem roben Trotz auf sein Heldenthum verriethe. Selbst den ehrenkränkendsten Vorwärfen gegenuber bewahrt der Held das edle Mass in Worten und Handlung, eine seelengrosse, sichere Selbstbeherrschung. Ja noch mehr, wo er den ungerechten Vorwürfen seines jugendlich übereilten Gegners die verdiente Zurechtweisung zu Theil Werden lässt, sie als die Uebereilangen eines jungen Menschen ohne Lebenserfahrung und Welt- kenntniss bezeichnet(Vers 44 46), weleche Schonung, welche grossmüthige Milde legt er in den Tadel; er selbst schickt ihm die Eatschuldigung voraus, das Glück in der Heimat(dat dii habés héme hérron gälen) hat die Versäumniss veranlasst. Endlich zeigt uns der Dichter an seinem HHelden durchgängig ein wahrkaft menschlich fühlendes, von seiner schrecklichen Lage schmerzlich zerrissenes Vaterherz, aber ein grosses, in ruhiger Fassung über das Schiksal erhabenes, das keinen Augenblick vergisst, was die in ilum angetastete Ileldenehre gebietet. So hat uns der Diechter in Hildebrand einen eben so grossen als edlen Helden- charakter hingestellt, in dem die Tugenden des Rriegers mit den Tugenden des sittlichgrossen Menschen zur schönsten Harmonie verschmolzen sind. Auf welchem Standpunkt aber und auf welchem Wege schen wir hiernach unsere alte Poesie, ehe fremd in das Leben des Volks herein- tretende Machte ihren Geist verkümmerten. Eine Entwickelung grossartig wie die griechische war im Beginn. Hatte uns das Gluck den an sich so herrlichen Sagenstoff der Nibelungen von einem Dichter mit den künstlerischen und den menschlichen Eigenschaften, wie wir sie an dem Dichter dieses Bruchstücks finden, dargestellt überliefert, weleh ein Werk würden wir haben! Wie aber? Schliessen wir vielleicht zu viel aus diesem nicht umfangreichen Denkmal? Rönnten jene Zeichen nicht täuschen? Ich denke nein; die Werke des Genius und die Werke des Zufalls haben nichts mit einander gemein in der Poesie so gut, wie in bildenden Rünsten; und es würde vergebliche Mühe gewesen sein, einen Michel Angelo zu überreden, dass sein vielbewunderter Dorso durch Zufall aus der IHIand eines schlechten Rünstlers hervorgegangen.

Was den Inhalt unsers Bruchstücks betrifft, so schildert es eine einzelne Begebenheit aus dem reichen Sagenkreise, der sich an den grossen Ostgothenkönig Theodorich, den Besieger Odoakers und Eroberer Italiens, anlehnt. Diesen benennt unsere alte Heldensage Theotrich oder Dieterich von Bern, d. h. von Verona in Oberitalien, seinem jeweiligen Regierungssitze, und lässt ihn, der wirklichen Geschichte entgegen, von seinem Gegner Odoaker aus seinem Reiche vertrieben werden. Dies scheint wenigstens die Gestalt der Sage, wie sie unser der Geschichte noch näher stehendes Bruchstück darbietet. Doch wäre es möglich, dass auch hier schon, wie sicher spter nach dem chronicon Ouedlinburgense im Beginn des 11. und nach Eckehard's Bericht im Chronicon Urspergense im Anfang d. 12. Jahrh., Odoaker nur als Austifter der Vertreibung gedacht Näre; Theotrich aber eigentlich vor dem weithingebietenden Ostgothenkönig Ermanarich, den die Sage als Oheim Theotrichs zu seinem älternZeitgenossen macht und über Italien herrschen lässt, geflohen wäre. Wie dem auch sei, Dieterich, der Sage nach des Landes flüchtig, begibt sich ostwärts zum Rönige der Hunnen, zu Attila(der Name selbst kommt in unserem Liede nicht vor, doch ist unter dem Huneö truhtin wolil sicher kein anderer gemeint). Dreissig Jahre Jang ver- weilt er hier, dann kehrt er nach Italien zurück, sein Reich wieder zu erobern; mit ihm sein altehrwürdiger Erzieher und Schaarführer Iildebrand, der einst beim Wegazug aus dem Vaterland seine Gemahlin und einen noch unmündigen Sohn zurück gelassen hatte. Dies ist Hadubrand, der unterdess zum Helden herangereift, sich dem heimkehrenden Vater, den er nicht kennt und langst todt wähnt, unter Umständen, die wir aus dem Bruchstück nicht entnehmen können, feindlich entgegensetzt. Mit dem Augenblick, wo beide Gegner im Angesicht ihrer zu beiden Seiten aufgestellten Gefolgsmannschaften sich zum Einzelkampf ausfordern, beginnt unser Bruch-

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