Aufsatz 
Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache : das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche, das Wessobrunner Gebet und Muspilli : berichtigte Urschrift mit metrischer Uebersetzung in der ursprünglichen Versform und Anmerkungen / von H. Feussner
Entstehung
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In gleichem Grade, als mit der fortschreitenden Beseitigung der das Verständniss hemmenden Schwierigkeiten die richtige Auffassung des ganzen Inhaltes des Liedes weiter gediehen ist, hat sich auch das Urtheil üher den künstlerischen Werth der Darstellung berichtigt und immer mehr zum Vortheil des Dichters gestaltet. So fallt denn in der Beziehung das günstigste und anerken- nendste Urtheil einer seiner neuesten Würdiger, der geistvolle Verfasser der Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen, G. G. Gervinus S. 52 36(1. Ausg.), ein Urtheil, dem ich in allen Punkten beitreten muss. Gleiehwohl ist vorauszusehen, dass sich dieses günstige Urtheil, so wie die kritische Herstellung und Erklärung des Textes Fortschritte macht, noch steigern wird. Denu mit Ueberraschung begegnet man in einer deutschen Dichtung dieser Zeit einer ächt antiken Darstellungskunst, bei der man sich auf griechischen Boden versetzt glaubt. Plan und Anlage, so weit solche in dem Bruchstück vorliegen, sind so künstlerisch-trefflich entworfen, dass Alles wie mit Nothwendigkeit in einander greift, sind im Ganzen wie im Einzelnen so geschiekt auf das Endziel berechnet, dass Alles wie von selbst auf den bestimmten Ausgang hindrängt. Die einzelnen Gedanken, an sich kernhaft und treffend, sind in scharfem, sicherem Umriss hingestellt und so ebenmässig und logisch-bündig in ihren Bestandtheilen gegliedert, dass jedes Wort wiegt und wie aus dem Gesichtspunkt des Ganzen berechnet erscheint. Ein edles Mass, wie wir es nur an Griechen gewohnt sind, durchdringt alle Theile der Darstellung von den grössten bis zu den kleinsten. Das Ganze ist wie aus einem Guss, mit sichern festen Zügen plastisch wie ein Dildwerk hingestellt; nirgends etwas Ueberflüssiges, nirgends etwas Halbes.

Die ächt epische Ruke, die über die ganze Darstellung, mag sie sich in gelassenen oder in erregten Gefülllen bewegen, ausgebreitet liegt, die dramatisch-anschauliche Form des Weehsel- gesprächs, das anspruchslose völlige Zurücktreten des Dichters in seiner Darstellung, der einfach edle Ausdruck erinnert an Homer: während andrerseits die Art, wie der Diehter seine Ueber- gänge sich durch sinnschwere Sätze und Ausrufungen bahnt; wie er in seinen stets den rechten Dunkt treffenden Gedanken fast nur das Thatsächliche rein an sich hinstellt, das Band aber, das diese Gedanken verknüpft, die Anwendung, die Beziehung auf den rechten Punkt dem sinnigen IHlôrer oder Leser zutraut, etwas von pindarischem Stil hat. Näaher auf diese Vorzüge der Dar- stellung hier einzugehen, gestatten die Grenzen nicht, die dieser Schrift gesteckt sind; ich muss mich begnügen, auf die in meinen unten folgenden Anmerkungen enthaltenen Andeutungen zu verwveisen.

Zeigt sich in dem eben Berührten die kunstlerische Grösse des Dichters, so ist das edle Charakterbild, das er uns in dem alten IIelden IHildebrand vor Augen stellt, ein Beleg für die Ilöhe, worauf der Dichter als Mensch steht. Wenn wir in den spätern Volks- und ritterlichen Ileldendichtungen des Mittelalters meist nur der einseitigen Hervorhebung und Schätzung von Vorzügen, die weniger mit einem wahrhaft edlen und grossen Menschencharakter zusammenhän- gen, wie der mehr körperlichen Tapferkeit, des kriegerischen Muthes, der äussern feinen Welt- sitte(Höfischheit) begegnen, so ist dies anders bei unserem Dichter. Die Züge, die er dem Charakter seines Helden verleiht, beweisen die Hochschätzung dessen, was die geistige und sittliche Natur des Menschen Grosses und Edles hat. Gleich von Anfang herein hebt er mit aus- drücklichen Worten an dem Helden hervor: die Ehrwürdigheit, die das Alter giht, (der was héräro man, Vers 6 vergl. mit V. 34, s. meine Anm.), die weise Besonnenbeit (ferahes fröläro Vers 7), gewonnen durch ein Lehen reich an Thaten und Erlebnissen. Die Tugend der Tapferkeit ist natürlich die nothwendige Grundlage des Heldencharakters. Aber wie weiss der Dichter uns diese Tugend in seinem Helden durch den Verein, in dem sie mit andern nittlich grossen Eigenschaften auftritt, zu adeln und zu heben! Er lässt in Hildebrand's Reden und Benehmen das vollste und sicherste Gefahl seiner HHeldenstärke hervorleuchten; aber nirgends