— 3— 1) Das Hildebrandslied.
In diesem köstlichen Denkmal ist uns leider nur ein Bruchstück eines alten Heldenliedes erhalten. Die jetzt auf der kurbessischen Landesbibliothek in Kassel befindliche, den Jesus Sirach und einige geistliche Schriften enthaltende Pergamenthandschrift, deren beide Deckblätter auf ihren äussern Seiten mit den erhaltenen Versen unsers Liedes beschrieben sind, stammt aus dem Kloster Falda und ist gegen Eade der Regierung Karls d. Gr. niedergeschrieben. Die eigentliche Abfassung des Liedes ist aber wohl sicher mit W. Grimm(Deutsehre Heldens. S. 25) noch in die vorkarolingische Zeit gegen den Aufang des 8. Jahrh. hin zu setzen. Darauf weist die Form der Sprache hin, weleche mit der nahe verwandten, worin die beiden folgenden Merse- burger Zaubersprüche abgefasst sind, vollkommen gleiches Alter verräth. Was Stammesartung betrifft, ist die Sprache des Liedes eine mitteldeutsche Mundart, die ihrem Gesammtgepräge nach entschieden zum hochdeutschen Sprachstamme gehörig, nur in einem Theil der Aspirationsver- hältnisse und Vokalfärbungen und in einigen vereinzelten Erscheinungen der Wortbeugung mit der altniederdentschen Sprache übereinstimeat. Die Heimat des Dichters ist nach ihr in dem mittlern östlichen Hessen und angränzenden Thüringen, also in den Gegenden der untern Fulda, untern Werra und der Unstrut au suchen.
Die religiösen Anhaltspunkte, die das Bruechstück darbietet, sind der Art, dass sich nicht bestimmt entscheiden lässt, ob der Verfasser noch Heide, oder ob er schon Christ war. Doch spricht für einen heidnischen Dichter der Ausdruck Irmingot, der zwar so viel als grosser Gott, Gott des Weltalls“ bedeuten kann, welchen aber dennoch, als zu sehr an die bei Sachsen und Thüringera herrschende heidnische Verehrung der Irminsül erinnernd, ein christ- licher Dichter, namentlich ein neubekehrter dieser mitteldeutschen Gegenden nicht leicht von dem christlichen Gott würde gebraucht haben; auch ditrfte wohl die Ablassung des Liedes noch vor das Jahr 722 fallen, mit welchem erst die eigentliche Ausbreitung des Christenthums durch den h. Bonifacius in diesen hessischen und thüringischen Gegenden begann. Wie dem aber auch sei, so viel ist gewiss, wie der Gegenstand des Liedes ein heidnischer, so ist anch die Dar- stellung des Dichters noch unberührt von christlichem Einfluss, und wir müssten in sofern die Dichtung den heidnischen beizählen, selbst wenn der Dichter schon den Namen eines Christen getragen hätte.
Das rechte Verständniss unsers Liedes hat sich seit seinem ersten Bekanntwerden(gedruckt wurde es zuerst in Eecardi comment. de rebus Franc. orient. T. I. im Jalar 1729) durch unend- liehe Schwierigkeiten hindurch ringen müssen. Es lagen diese aber nicht in einer dunkeln und schwierigen Ausdrucks- und Darstellungsweise des Dichters, denn diese könnte kaum klarer und einfacher sein, als sie ist; sondern vielmehr in der noch ungenügenden Renntniss der alten Sprache, und in den Mängeln der einzigen vorhandenen Handschrift. Das Hauptverdieust ihrer Wegräu- mung haben die Gebrüder Grimm sich erworben, zuerst durch ihre Ausgabe des Liedes zu Cassel 1812; dann durch ihre fortgesetzten Bemühungen für dasselbe in den Altdeufschen Wäldern, wo, wie fortwährend in der deutschen Grammatik, besonders J. Grimm ihm seine Aufmerksam- keit zuwandte, während W. Grimm gelegentlich in der Deulschen Heldensuge und insbesondere durch die Herausgabe eines trefflichen Facsimile der Handschrift unter dem Titel De Hilde- brando anliquissimi carm. feulom. fragmenlum. Göllingen 1830 für dasselbe thätig war. Nuchst ihnen leistete am meisten R. Lachmann durch die verdienstvolle kritische Bearbeitung des Lie- des in den Abhandlungen der Berliner Akad. der Wissensch. Jahrg. 1835. Für einzelne Stellen gab das Richtige J. A. Schmeller, W. Wackernagel u. A.


